Nicht verbandelt
Kapitel 1
Die alte Frau
1779, nördlicher Schwarzwald
"Na Nebel, willst heuer gar net abziehen, wie?", brab-belte die alte gebückt gehende Frau und wiederholte diese Feststellung alle paar hundert Schritte. In wenigen Stunden würde sie sterben. Sie folgte einem Pfad, der irgendwo in den Wäldern nahe Desserau verlief. Ab und an blieb sie stehen und hob loses Holz vom Boden auf. Gekleidet war sie in ein fersenlanges, schwarzes, schmuddelig abgetragenes Kleid aus grober Wolle. Ein Überwurf bedeckte ihre Haare zu Dreivierteln. Auf dem Rücken trug sie ein geschnürtes Bündel, und ihre Füße steckten in derbem Leder.
Grau und dunkel hingen die Wolken, aufgetürmt zu Gebirgen, bis tief in die Täler hinunter. Es regnete schon seit Tagen, nicht immer viel, aber genug, dass der Dunst bis zum Boden reichte und so gesehen, hatte die Alte mit ihrer Äußerung nicht einmal unrecht, denn der Nebel wirkte tatsächlich, als ob nicht abzöge.
Um für zu Essen und Wärme zu sorgen, musste sie, egal welches Wetter die Götter ihr bereiteten, Tag für Tag hinaus. Eine Strapaze, die ihr mit den Jahren immer mehr zu schaffen machte. Auch heute hatte sie das steinige Eimsig-Tal durchquert, das bis zur Straße nach Wabelshausen reichte. Früher waren ihre Söhne dabei gewesen, doch das lag lange zurück. Wo das Dickicht der Sträucher durchlässiger machte, betrat sie den Wald. Er entsprang am Fuße des Großen Walsers und umwuchs das Bergmassiv wie ein Haarkranz. Im Volksmund nannte man ihn den ›Mönchswald‹.
An der Stelle, wo ein ausgetretener Weg ihren Tram-pelpfad kreuzte, begann sie mit dem aufsammeln von Feuerholz. Händler benutzten diesen Weg oft, da er die kürzeste Verbindung zwischen Viehingen und Wellkraich darstellte. Es gab sicher ungefährlichere Handelsrouten, aber was kümmerte sie das? Sie hob nur das auf, was durch Wagen und Gespanne der Kaufleute von den Bäumen abgerissen worden war. Manchmal fand sie auch heruntergefallenes Obst oder Backware, doch das geschah nur selten. Auch nach Pilzen und Kräutern, heuer insbesondere Beinwurz und Frauenmantel schaute sie. Ihr schlimmer Zahn hatte sich wieder gemeldet. Das Holz trug sie dann, vertäut mit Stricken und Stoff wie ein Bündel auf dem Rücken.
Für dieses Mal reichte es ihr. Die Feuchtigkeit und Schmerzen waren ein Grund, aber da gab es noch mehr; ihr Gefühl sagte ihr, dass etwas nicht stimmte. Eigent-lich, dass es nicht mehr stimmte. Sie konnte es nicht benennen, aber das - was immer es sein mochte - verstärkte sich. Eine bisher ungekannte Unruhe füllte sie von innen her. Ihr fröstelte. Das dicht wachsende Baumwerk schluckte viel vom verbliebenen Tageslicht und sich durch Wind oder Getier bewegende Äste vermochten leicht den Eindruck eines Verfolgers zu erwecken, auch wenn es keinen gab. Der Nebel trug sein übriges dazu bei. Zum ersten Mal nagte an der Alten wirklich Angst. "Na ja, für ein Abendessen wird es wohl scho` reichen", murmelte sie und betrachtete die halbe Hand voll verschrumpelter Pilzstückchen, die sich in ihrem Rockschoß vorfanden. Sie schulterte ihr Gepäck und machte sich auf den Heimweg nach Desserau.
Der Rückweg würde sie über alten Friedhof führen, nahe dem Hügel auf dem vor Jahren die als ›Hexe Ulla‹ bekannt gewordene Ulla Wehrle ihr Leben hatte lassen müssen und wo es seitdem - so erzählte man - spuken sollte. Einige meinten sogar bei Vollmond ihren Leich-nam wieder an dem Baume hängen gesehen zu haben, wie damals und schaukelnd im Wind. "Schlimme Sache das", grummelte sie und schüttelte sich vor Unbehagen. Aus vielen Gründen ging nicht gerne dort vorbei, aber auch, weil sie damals dabei gewesen war. Sie schaute nach oben und versuchte in der trüben Suppe den Stand der Sonne zu erahnen. "Steht schon tief, ist sicher weit fünf nach ›Mittel‹. Muss mich eilen!"
Nach mehr als einer Stunde überaus beschwerlichen Weges kam der Hügel in Sicht. Sie musste ausruhen und erst wieder zu Atem kommen. Das Gehen wurde mit dem Alter eben nicht besser. Die Erde oben war kahl. Der Baum - eine Weide - auch. Seine Äste ragten wie Spinnenfinger in die hereinbrechende Dunkelheit. Krähen saßen zu Dutzenden in den Zweigen, krächzten und klackten mit ihren Schnäbeln, als wenn sie ihren Besuch missbilligen würden.
Sie musste hier durch. Sicher, sie hätte auch über die Felder seitlich drum herum gehen können, aber das wäre um einiges weiter gewesen und man konnte sich in den Gräben, gerade bei schlechter Sicht, leicht die Beine und manches mehr brechen. Auch wenn sie schon wer weiß wie oft diesen Weg genommen hatte, es schauderte ihr doch jedes Mal. Aber war es heute nicht noch schlim-mer? Auch der Nebel kam ihr bedrohlich vor. Er wirkte viel dichter als üblich. Oder gingen die Gedanken nur durch mit ihr? Ach alles Unfug, wollte sie sagen, aber dazu kam sie nicht mehr. Etwas oder jemand ließ es nicht zu. Es umspannte sie, wob sie ein, wie ein Kokon eine Raupe. Ihr wurde warm, sie fühlte sich leicht und dachte gar nicht mehr an Flucht. Warum auch? Es war doch alles schön. Eine Stimme flüsterte. Sanft wie Musik klangen ihre Worte. Sie erreichten nicht ihr Gehör, aber ihre Seele. Als sie sie doch verstand, es mochte eine Weile gedauert haben, weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen. Aber zu diesem Zeitpunkt wurde ihr Brust-korb bereits überdehnt, aus seiner Verankerung heraus-gehoben und mit Macht zur Seite geschleudert.
Die alte Frau war tot. Am Morgen fand Jochen, ein Küfer, ihren Leichnam. Er lag am Fuße jenen Hügels, über den niemand mehr gern zu reden wagte. Neben ihr, von rohen Kräften zerfetzt, ein Bündel Holz, mehr Span als Ast. Pilzkrümel waren aus dem Rockschoß gekullert und hatten sich über den aufgerissenen Leib und der näheren Umgebung, wie Brosamen verteilt. Zwischen ihnen und all dem Blut wuchs Sauerampfer. Jochen stand einfach nur da und beobachtete sie. Lange vermochte er sich nicht von diesem Bild abzuwenden, das ihn gleich-zeitig mit Abscheu wie Faszination erfüllte.
Stunden waren vergangen. Dutzende Menschen hatten sich am Ort des Geschehens eingefunden. Unter ihnen auch der Landgraf von Scharenbroich, sowie der Dorf-schulze und Bergmann, der Arzt. Die Alte lag noch immer auf dem Grasboden. Ein Überwurf, wahrschein-lich der des Küfers, bedeckte ihren Körper bis zum Hals. Arme und Beine lugten an den Seiten hervor, der Stel-lung nach, mussten sie vom Körper abgetrennt worden sein. Jemand hatte die herumliegenden Organstücke und größeren Gewebebrocken zu einem Haufen zusammen-getragen. Der Landgraf schaute missmutig auf das Gesicht der Toten. "Und du hast sie heute morgen gefunden, Jochen?" Jochen nickte, sagte aber nichts weiter dazu. "Wohl wieder ein Mord der Hexe, was?!" Von Scharenbroich bestätigte damit die Vermutung vieler der Umstehenden. Lösch Bergmann wollte etwas sagen, unterließ es aber. Es hätte eh' keinen Sinn gehabt. Ein Murmeln ging durch die Menge. Die Menschen bekreuzigten sich: Die Hexe wieder! Seit Jahren ging das nun.
Eine Gruppe Melkanermönche des nahen Klosters kam aus dem Wald und auf die Anhöhe zu. Sogar bis nach St.Elium war das grauenhafte Ereignis bereits gedrungen. Einer von ihnen trat vor und sprach leise mit dem Grafen. "Ja, wahrscheinlich wird es so sein", meinte Bergmann, der ein Stück an die beiden herangerückt war, verstanden zu haben. Doch was genau sie miteinander besprachen, dass blieb ihm verborgen. Anschließend beugte sich der Mönch zu der Toten. Er gebot den Anwesenden ein Stück zurück zu bleiben und kniete nieder. Vorsichtig und mit spitzen Fingern hob er den Überwurf ein Stück an, ließ ihn aber fast augenblicklich wieder fallen. Seinem Gesicht war alle Farbe entwichen und er zitterte, während er einen Gebetstext mehrfach wiederholte: "Ave Maria, gratia plena. Dominus tecum, benedicta tu in mulieribus …"
Bergmann wusste nicht, in was für einem Zustand sich der Leichnam befand. Er hatte zuvor auch einen Blick auf ihn werfen wollen, aber es war ihm verwehrt worden. Was auch sonst, hörte er sich im Geiste dazu sagen. Nein, heimisch würde er hier sicherlich nie werden. Bitterer Magensaft zog sich die Kehle hinauf; das kam von zuwenig Brot und zu vielem Wein. Der Mönch schien sich wieder gesammelt zu haben. Er wischte ein paar Erdreste von seiner Kutte und sprach mit dem Dorfschulzen. "War sie getauft?", fragte er. Der Dorfvor-steher zuckte kurz mit den Schultern, er hatte keine Ahnung. "Ja", stammelte er und dann bestimmter: "Natürlich war sie getauft, bin mir ganz sicher." Bruder Michel schaute ihn eine Sekunde lang schneidend an, drehte sich aber zum Landgrafen hin.
"Sie sollte verbrannt werden und das am besten sofort. Wer weiß welche Bösartigkeit nun in ihr inne wohnt." Noch bevor der Arzt eine Möglichkeit fand Bedenken zu äußern, war für von Scharenbroich bereits die Entschei-dung gefallen und er stimmte dem Pater aus St.Elium in extenso zu.
Am Abend des gleichen Tages befand sich Bergmann wieder im Springenden Eber, einer der Schankstuben Desseraus, als der Totengräber Martin Fallesleben sich neben ihn gesellte und ihm einen ausgab.
"Sie ist bestimmt schon die vierte Tote gewesen", meinte Lösch und fing ein Gespräch mit ihm an.
"Die Zwölfte", berichtigte Fallesleben. "Ich muss es wissen, ich bring sie ja unter die Erde, hah!" Er lachte schallend auf. Seine Angabe stimmte nicht. Er wollte sich nur wichtig machen. Die Zahl der Menschen, die bislang tot im Wald oder auf dem Hügel aufgefunden wurden, war erheblich geringer. "Wenn Sie mich fragen", meinte Fallesleben und blickte dabei verschwörerisch zu ihm hinüber, "dann rächen die Toten gerade an den Leben-den!" Wieder lachte er. Es erinnerte Bergmann an das Meckern eines Ziegenbocks. Danach warf Martin einige Geldstücke auf den Tresen und machte sich auf den Heimweg. Lösch sah ihm lange nach. Eigentlich hätte ihm der Durst nach solch einem Gespräch vergehen müssen, doch es geschah nicht. Aber diese Erkenntnis war ihm nicht mehr wirklich neu.
Im Dorf war der Fall vom Tod der alten Frau natür-lich noch wochenlang Thema. Jeder meinte plötzlich wieder eine Hexe mit krummer Nase, Buckel und leuch-tend roten Augen gesehen zu haben. Und da über gleichzeitige Sichtungen an unterschiedlichen Orten berichtet wurde, musste es wahrscheinlich mehrere von ihnen geben. Nach und nach hielt dann doch der Alltag wieder Einzug. Bergmann ließ die Sache aber keine Ruhe. Im Gedächtnis hatte noch immer den entsetzten Gesichtsausdruck des Pfaffen, als er sich über den Leichnam beugte. Die Tote musste furchtbar verstüm-melt worden sein. Warum machte jemand derartiges? Und vor allem wer? Eines aber wollte er ganz sicher nicht glauben, dass ein Gespenst der Grund für diesen und die anderen Todesfälle sein sollte.
Einige Wochen darauf begab es sich, dass Bergmann einen Hausbesuch bei Jochen, eben diesem Küfer machte. Es war ein langer und beschwerlicher Weg dorthin und ›Mittel‹ überschritten, als er die Hütte des Fassmachers erreichte. Jochen quälten Krampfadern. Eine davon war entzündet und bildete ein juckendes, eiterfreudiges Furunkel. Lösch besah die Wunde und entschied sich zum Standartprozedere; bei dem er dass Geschwulst öffnete und Blutegel darauf verteilte. Wie die meisten seiner Patienten musterte der Küfer die Tierchen recht argwöhnisch und er hätte einen Aderlass vorgezo-gen, aber Bergmann ließ in diesem Punkt nicht mit sich verhandeln. Nachdem Sattsaugen und anschließenden Abfallen der Egel, verrieb er eine Tinktur und gab ihm, wie all seinen Patienten die Ratschläge, von denen er wusste, dass sie ohnehin keiner beachtete. Er wollte sich gerade auf den Heimweg machen, die Tasche indem sich auch sein Honorar in Naturalien befand, war bereits wieder geschultert, da lud ihn Jochen noch auf ein Gläschen von seinem Selbstgebrannten ein. Das Gebräu des Küfers schmeckte, wie es roch. Doch nach und nach gewöhnte er sich daran und bald schon stand die Tasche wieder auf dem Boden. Jochen oder Schäfer-Jochen, wie meist nur genannt wurde, kam schnell von den un-freundlichen Weibsbildern im Dorf, auf den Mord an der Alten zu sprechen. Bergmann erfuhr, dass sie am Körper mit einer blauen Substanz benetzt war. Vielfach hätte sie sich in die Haut geätzt, aber so erzählte Jochen weiter, dieses sei vermutlich nicht die Todesursache gewesen. Jedoch als er nähere Ausführungen zu den schwereren Verletzungen machen sollte, brach er ab und beäugte Bergmann misstrauisch. Lösch meinte, ganz kurz etwas wie Hass oder war es Furcht, in seinen Augen aufglim-men gesehen zu haben. Sie wechselten das Thema. Die Vertrautheit aber, die sich zwischen ihnen in der kurzen Zeit entwickelt hatte, wollte sich nicht wieder einstellen und bald schon tranken sie schweigend, ein jeder dabei vor sich hin grübelnd.
Lösch ließ seine Blicke durch den Raum schweifen: Ein Tisch mit Stühlen, ein Hochbett, ein Schrank, eine Kochstelle. Eine zerschlissene Hose hing zum Trocknen über der Feuerstelle. Ärmlich und trostlos sah es aus und erinnerte ihn irgendwie an sein eigenes Zuhause. Tierfelle hingen an der Wand und Schafe schliefen in den Ecken. Es roch überall nach ihnen. Das war wohl auch der Grund, warum der Mann als Fassmacher von aller Welt nur ›Schäfer-Jochen‹ genannt wurde. Sonst gab es nichts, was ihn abzulenken vermochte von den Gedanken, die in seinem Kopf, sicher auch bedingt durch den Alkohol, wild umherrasten. Wer hat die Alte wirklich ermordet, fragte er sich? Wer vertuscht etwas und schiebt es einer ›Hexe‹ in die Schuhe?
Was ist mit den vorherigen Todesfällen, hängen sie zusammen oder morden einer oder mehrere wahllos? Das kam ihm wenig plausibel vor, eine Verbindung war wahrscheinlicher Will jemand vielleicht den Tod von Ulla rächen? Er schenkte sich noch einmal nach. Wenn ja, was hat das mit der Alten zu tun? War sie damals, vor annähernd zwölf Jahren dabei gewesen? Oder die ande-ren Toten? Konnte das womöglich doch der Schlüssel sein? Die Hexe, besser einer in ihrem Namen, trachtet nach denen, die bei ihrem Tod zugesehen oder nachge-holfen haben? Na ja, ein Motiv wäre das schon, aber ein weit hergeholtes. Wer würde für eine einfache Bäuerin zum Mörder werden wollen? Vielleicht ihr Ehemann, Balthasar? Er hätte sicher Grund sich zu rächen. "Un-fug!" Bergmann haute auf die Tischplatte. Jochen schreckte hoch und sah ihn erstaunt an. Der Arzt beach-tete ihn nicht. Begann er nun auch schon Gespenster zu sehen? Balthasar war bekanntlich vor ihr zu Tode ge-kommen, kam damit nicht in Frage, basta! Sein Schädel brannte. Er musste raus. Eilig schulterte er seine Sachen, deutete kurz einen Gruß an und verließ fast fluchtartig die schäbige Behausung. Er wollte nachdenken und dazu bedurfte es keinen Schafsmief, sondern frischer Luft.
Lösch seufzte, er wusste leider nur wenig von der alten Sache, war selbst nicht dabei gewesen und keiner der Dörfler sprach gerne, schon gar nicht mit ihm, darüber. Eine neue Idee brach sich Bahn: Vielleicht würden die Mönche St.Eliums etwas in ihren Aufzeichnungen haben? Er verwarf den Gedanken wieder; die Melkaner hatten sicherlich einiges Wissen darüber, doch ihm würden sie ganz sicher keine Auskunft geben, genauso wenig wie der Landgraf oder Pappenhusen der halbsenile Dorfschulze. Welche Rolle, und das kam ihm erst jetzt merkwürdig vor, spielte Schäfer-Jochen eigentlich bei dieser Geschichte? Sein Verhalten konnte man doch auch nur mit äußerst seltsam umschreiben.
So viele Fragen und so wenig Antworten, grimmig spie er gegen die Äste einer Ulme. Von dem Grundstück war nichts mehr zu sehen. Die Kälte kroch hoch in seine Glieder. Er zog den Umhang fester zu. Einige Regen-tropfen streiften über seine Wange. Er hatte die Wahl: Ging er geradeaus und später halblinks, konnte er ausgebaute Straßen benutzen, lief er rechte Hand, kam er über die Felder nach Desserau. Diese Route war nicht unerheblich kürzer, führte aber durch den Wald und womöglich auch beim Friedhof vorbei. Er wandte er sich nach rechts.
Nebel brach durch das Dach der Welt und senkte sich hinab in die Tiefen der Täler, derart prosaisch hätte es Bergmann möglicherweise empfinden können, wenn er nicht bei anbrechender Dunkelheit, im Regen und allein durch den Wald geirrt wäre. Überall knisterte es, winzig kleine Augenpaare beobachteten ihn, huschten hin und her, verschwanden im Unterholz und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Hinter einer Biegung traf er auf Martin Fallesleben, der gerade einen Baum anpinkelte. Bergmanns Freude endlich wieder einem Menschen zu begegnen währte nur kurz, denn der Totengräber war sturzbetrunken und zeigte zudem wenig Lust an Konver-sation oder Begleitung. Ohne seinen Gruß zu erwidern, wankte er weiter in Richtung Viehingen. Fallesleben würde als nächster zu Tode kommen, doch das ahnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner von ihnen.
Lösch war wieder allein. Ein komisches Gefühl. Be-kam er Angst? Besser er stellte sich diese Frage nicht. Seine Finger zitterten, was an der Kälte liegen mochte. "Es gibt keine Geister", raunte er und wiederholte es ein ums andere Mal, helfen tat es wenig. Er ging schneller. Irgendwo hinter ihm schrie ein Käuzchen. In einigen Pfützen spiegelte sich die käsige Fläche des Mondes. Wolken umspielten ihn. Glücklicherweise hatte der Regen aufgehört. Im Zwielicht tauchten links von ihm die ersten Holzkreuze auf. Viele schief, oder schon ganz verfallen. Der Totenacker wurde seit Ullas Tod nicht mehr benutzt. Vor ihm erhob sich der Hügel. Es erstaun-te immer wieder, dass man ihn erst dann wahrnahm, wenn er direkt vor einem lag. Der Grund war eher banaler Natur, denn der Wald, der die Sicht auf ihn behinderte, endete am Fuße der Hügelung ziemlich abrupt.
Bergmann betrachtete den Aufwurf beim Gehen. Er maß ungefähr an 50 Meter Höhe, war obenrum kahl, bis auf einen einzeln stehenden Baum. Alles sah aus wie immer. Vielleicht waren seine Befürchtungen doch etwas übertrieben gewesen. Oder nicht? Er erstarrte in der Bewegung. Obwohl durch die Dunkelheit alles weiter weg Stehende zu verschwimmen drohte, konnte er erkennen, dass der Baum, diese einzelne knorrige Weide nicht oder nicht mehr leer war. Im Gegenteil, ein Kada-ver, der ohne Zweifel menschlichen Ursprungs sein musste, pendelte dort im Wind. Und er schritt nun auch noch darauf zu! Dass wollte er doch gar nicht!
Immer mehr Einzelheiten schälten sich heraus: Das tote Ding, ein undefinierbares Etwas, schon halb oder ganz verwest und in zerrissene Lumpen gehüllt, hing an einem Strick und entließ Geräusche, die fatal an Lachen erinnerten und ihm die Haare zu Berge stehen ließen. Erst jetzt schaffte er es, seinen Füßen, den eigenen Willen aufzuzwingen und er warf sich in wilder Panik zu Boden und begann dann zu rennen und gleichzeitig zu schreien, als wären Tod und Teufel persönlich hinter ihm her. Nach endlosen Schritten endlich Zuhause ange-kommen, verriegelte er Fenster und Türen und versteck-te sich, bewaffnet mit Kreuz und Wein, unter seinem Bett und hielt sich die Augen zu, damit ihn das Unheil nicht zu sehen vermochte.
Dem Schäfer-Jochen ging es gar nicht gut. Eine Fliege setzte sich auf seine Wange und legte, wie ihre zahlrei-chen Vorgängerinnen zuvor auch, ihre Eier in ihm ab, doch das war eher eines der kleineren seiner Probleme. Begonnen hatte alles wenige Tage bevor dieser Quack-salber von Bergmann ihn besuchen gekommen war. Eigentlich ein netter Kerl, aber er fragte zuviel. Am Anfang war es nur ein leuchtend blauer Fleck gewesen, der sich nicht entfernen lassen wollte, ihn aber auch nur wenig störte. Wenn er es richtig bedachte, dann war dieses Zeugs, das die Alte am ganzen Körper bedeckte, regelrecht auf ihn gespritzt. Ungefähr nach einer Woche konnte er Aufwölbungen unter seiner Haut erspüren. Natürlich hatte er daran herum gepult. Was heraus gequollen war, erinnerte entfernt an Eiter, jedoch mit irgendwelchen Einschlüssen. Er meinte auch Bewegun-gen darin festgestellt zu haben, das mochte aber Einbil-dung gewesen sein.
Die Anzahl der Beulen wuchs. Und ganz gleich, was er versuchte, ob er sie ausdrückte, abband oder weg brann-te, sie bildeten sich an gleicher Stelle neu und meist nicht nur da. Auch bemerkte er Veränderungen ganz anderer Art: Etwas griff nach seinem Geist und rief nach ihm. Zuerst nur leise und unverständlich, aber mit jedem Tag wurde er schwächer und das Geräusch deutlicher und lauter. Mittlerweile war ihm, als wütete ein Orkan zwi-schen seinen Ohren und es schwoll immer noch weiter an ...
Jochen hätte an diesem Montag, der dem inneren Brausen folgte, längst aufgestanden sein müssen, aber er lag leblos auf seinem Lager. Sein Körper war übersät mit Malen. Stunden wie Tage vergingen. Ab und an erzitterte ein Muskel. Nach ein paar Tagen spätestens hätte der Küfer nach menschlichem Ermessen tot sein müssen; doch war er es nicht. Auf dem Rücken liegend, starrte mit offenen Lidern gegen das Holz der Deckenabstüt-zung. Erst in gut einer Woche würde einer seiner Nach-barn bei ihm vorbeischauen und vielleicht für Hilfe sorgen. Jochen besaß also genug Zeit, darüber nachzu-denken, ob es wirklich klug war, mit einer alten, toten Frau Spielchen spielen zu müssen.