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Wolfegesänge alt

Nicht verbandelt

Im Anschluss folgt ein kurzer Auszug aus dem Anfang der alten Wolfsgesänge. Der Roman ist geschrieben worden in den Jahren 2000 bis Ende 2002. Es handelt sich dabei um den ersten Versuch eine längere Geschichte zu konzipieren. Herausgebracht wurde das ganze im Eigenverlgag über Books on Demand.
Ich habe seinerzeit viel Zuspruch für das Buch erhalten, war jedoch nicht wirklich zufrieden damit: zu viele Wortwiederholungen, zu rauher Textfluss, überflüssige hatte-war-Verbindungen, etc.

Anfängerfehler eben. Deshalb und weil ich die Geschichte hinter den Wolfsgesängen immernoch klasse fand, habe ich mich eines regnerischen Tages im Jahre 2005 entschlossen den Roman komplett zu überarbeiten. Das Ergebnis wird in Kürze erscheinen, und ist in Teilen vorab hier schon zu bewundern:
--> neue Woilfsgesänge.

Prolog

Desserau - Ende Oktober 1728

Es ist dunkel. Vor wenigen Minuten hat es gerade wieder einmal aufgehört zu regnen. Durch die beschlagenen Scheiben einer Schankstube dringen milchige Lichtkegel auf die Straße. Von drinnen ist viel Lärm zu hören, mehr als sonst. Einer der Gäste scheint dort zu randalieren. Irgendwo werden Türen geschlagen und den Geräuschen nach zerbirst auch einiges dabei an Geschirr. Dann wird die Eingangstüre von innen aufgestoßen. Aufgebrachte Stimmen dringen nach draußen und verhallen in der nächtlichen Dunkelheit. Kurz darauf drängen ein gutes Dutzend Männer aus dem Eingang des Hauses. Etwas ist in ihrer Mitte. Es ist ein Mann; er ist betrunken. Der Mann wehrt sich heftigst, will sich befreien, aber er hat nicht die geringste Chance. Sie zerren ihn über den Hof und stoßen ihn dann grob in einen der Schuppen auf der Rückseite der Wirtschaft. Das Tor des Schuppens wird mit Brettern zugenagelt. Alles geht sehr schnell vonstatten, wohl auch deswegen, weil es wieder zu regnen begonnen hat. Es ist kalt. Der Regen trägt bereits schon unverkennbar die Handschrift des herannahenden Winters. Die Ersten gehen wieder in die Wirtschaft zurück, der Rest folgt kurz darauf. Gesprochen wird kaum. In vielen Gesichtern ist der Schock noch zu erkennen, über das eben Erlebte. Was da wohl drinnen vorgefallen sein mag? Ein Mann mit einem blutigen Lappen um den Kopf und einem besonders großen und an den Enden gewundenen Schnauzbart schließt als Letzter wieder die Tür. Im aufkommenden Wind baumelt über dem Eingang ein altes hölzernes Schild mit großen geschnörkelten Buchstaben. "Zum Grünen Auerhahn" steht darauf geschrieben. Und darunter steht kleiner noch ein Wort: Lörrach. Es ist der Name des Erbauers und Vater desjenigen, der den gezwirbelten großen Bart trägt.


Fritz Lörrach, oder Fritzchen, wie er auch früher von seiner Mutter genannt wurde, war der Älteste von fünf Kindern. Er musste die Gastwirtschaft schon früh übernehmen, weil sein Knan - sein Vater - von einem Gast vor etlichen Jahren im Suff erschlagen worden war. Damals war Fritzchen gerade mal 13 Jahre alt. Das alles war natürlich schon lange Jahre her. Seine Mutter war ewig schon tot, die Geschwister, soweit sie noch lebten, waren längst ausbezahlt und weggezogen und er selbst war seit Jahren mit Hannelore, seiner Frau, verheiratet. Es ging ihnen hier nicht schlecht. Im Winter war es im "Auerhahn", wie die Wirtschaft landauf, landab eigentlich nur genannt wurde, brechend voll. Die Bauern hatten in dieser Jahreszeit wenig zu tun und verbrachten so viele ihrer Abende mit Trinken und Würfelspielen. Ihre Frauen saßen - wie anderswo vermutlich auch - allein zu Hause mit den Kindern. Und an solchen Abenden hatte schon so mancher Bauer sein Hab und Gut und das Erbe seiner Kinder gleich mit dazu verspielt.
Und eben solch ein Abend stand wohl heute wieder bevor. Lörrach hatte seit dem Morgen wieder so ein Ziehen in der Lebergegend. Für ihn ein Zeichen, dass wieder was passieren würde. Das war immer so; wenn es ihn dort ziepte, passierte immer etwas sehr Unangenehmes. Und sein Gefühl sollte ihn auch heute nicht enttäuschen ...
Es begann ganz harmlos. Wehrle, Balthasar Jonas Wehrle, wie sein voller Name war, war schon betrunken, bevor er überhaupt die Wirtschaft betreten hatte. Das war eigentlich nicht sonderlich ungewöhnlich bei ihm; schlimm konnte es nur werden, wenn er dann noch anfing zu spielen. Und genau das tat er auch heute wieder. Zumeist passierte dabei nicht allzu viel. Er verlor etwas Geld, pöbelte dann rum, fing kleinere Streitereien an und wurde letztendlich dann immer von Lörrach vor die Tür gesetzt. Doch an diesem Abend war es anders, heute hörte er nicht auf zu spielen und heute trank er auch mehr als sonst. Warum? Vermutlich, weil er zuerst beim Würfeln gewann. Aber diese Glückssträhne hielt nicht lange. Am Ende verlor er alles, was er besaß oder sogar je hätte besitzen können.
So ging dann sein Haus, mit allem was darinnen war, an Alfons Romsühl und die Schweine, Hühner und Gänse an Bauer Bienzle (der mit Wehrles Schweinen auch eine gewisse Ähnlichkeit besaß). Als Balthasar den "Auerhahn" verlassen wollte, war er bettelarm, noch betrunkener als zuvor und rasend vor Zorn. Und als Lörrach sich ihm in den Weg stellte und von ihm auch noch die Zeche haben wollte, da drehte Wehrle durch. Er ergriff den Wirt und schlug brutal auf ihn ein. Zuerst lachten die Leute noch, eine Schlägerei kam im "Auerhahn" schon mal vor, aber als sie sahen, dass Wehrle immer weiter auf den bereits blutenden Mann einprügelte, da gefror nicht wenigen schnell wieder ihr hämisches Grinsen.
Lörrach taumelte indes in eine der Vorratskammern gleich neben der Küche. Er schaffte es gerade noch, die Tür zuzusperren, als Wehrle wie ein Irrer schon dagegen trat. Balthasar tobte! Er holte aus einem nahestehenden Holzblock ein großes Knochenbeil und begann dann, die Tür zum Vorratsraum zu zertrümmern. Lörrach quiekte dahinter vor Angst. Das war den anderen Zechern dann doch zu viel. Als Wehrle gerade wieder das Beil aus dem zersplitterten Holz der Tür riss, nutzten sie die Gelegenheit, packten ihn von hinten und warfen ihn zu Boden. Natürlich wehrte er sich, aber was konnte er schon gegen ein gutes Dutzend Männer ausrichten? Und so wurde er dann kurzerhand in einen der Schuppen nah beim Haus verfrachtet. Dort hatte er jetzt reichlich Gelegenheit, über alles Gewesene nachzudenken.

Am nächsten Morgen erwachte er mit schwerem Kopf. Verständlicherweise, wie man sich denken kann. Dann brach er aus seinem provisorischen Gefängnis aus - allzu schwer war das im Übrigen nicht, die Männer waren wohl auch nicht mehr ganz nüchtern gewesen, als sie gestern das Tor vernagelt hatten, denn der Schuppen hatte noch eine Nebentür und die war gänzlich unverschlossen geblieben. So floh er aus dem Dorf und rannte schnurstracks in den alten Wald, nicht weit weg von Desserau. Dort versteckte er sich in einer verlassenen Köhlerhütte. Die Dorfbewohner fanden ihn schnell. Man hatte Wehrle beobachtet, als er in den alten Wald gelaufen war. Und als dann Rauch aus der verfallenen Hütte aufstieg, war es für die Leute nicht schwer zu erraten gewesen, wer darin wohl ein Feuer entfacht hatte. Und so brachten sie ihn wieder in den Schuppen hinter dem "Auerhahn". Diesmal stellten sie jedoch Wachen auf.
Unter dem Vorsitz des hiesigen Landgrafens wurde am nächsten Tag schon eine Rats- oder Gerichtsversammlung einberufen. Balthasar, so wurde bestimmt, sollte sich reumütig zeigen und sich bei Lörrach wegen seiner unangebrachten Gewalttätigkeit entschuldigen. Außerdem sollte er zukünftig, um seine Spiel- und Trinkschulden abzubezahlen, auf seinem ehemals eigenen Land als Knecht für Alfons Romsühl arbeiten. Balthasar zeigte sich jedoch weder einsichtig noch ansatzweise reumütig. Im Gegenteil, er beschuldigte Romsühl und einige andere, ihn beim Würfeln betrogen zu haben und drohte zudem noch allen möglichen Leuten mit Schlägen oder gleich mit dem Tode; unter anderem auch den Vorsitzenden dieser Ratsversammlung, den Landgrafen von Scharenbroich. Das war außerordentlich unklug, denn Wehrle selbst wurde nun zum Tode verurteilt. Noch am gleichen Tage sollte das Urteil vollstreckt werden, auf einem Hügel weitab vom Dorf an einer alten Weide, der so genannten "Totenbuche". Und so geschah es auch.
Seine Frau, die Ulla, erfuhr erst nach seinem Tode von der schrecklichen Tragödie. Sie kam gerade aus Wabelshausen von einem Marktverkauf zurück, als ihr eine der Nachbarinnen von der Versammlung und der dort beschlossenen Bestrafung erzählte. Sie eilte, so schnell sie konnte, auf den Richtplatz, wo die alte Weide stand. Als sie den Hügel halb erklommen hatte, kam ihr ein Tross, bestehend aus dem Vertreter des Landgrafen und einiger anderer überaus wichtiger Leute, entgegen. Sie eilte wortlos an ihnen vorbei. Auf dem Gipfel angekommen, sah sie, dass fast alle aus Desserau und auch nicht wenige aus Viehingen noch um den alten Baum herumstanden. Der Platz war voller Menschen. Natürlich hatten alle sie kommen sehen, aber keiner schaute sie direkt an. Die meisten blickten nur verschämt zu Boden und nicht wenige wandten das Gesicht ab, als sie sie keuchend, wie sie war, ansah. Ulla ging mitten unter sie, schüttelte einige, fragte sie: Warum?, schrie sie sogar an, aber keiner gab ihr eine Antwort. Vielleicht war es doch ein bisschen zu hart, dieses Urteil - dachten einige, aber die meisten hielten die Strafe doch insgesamt für angemessen; die Wehrles waren ja doch sowieso immer schon recht seltsam gewesen - oder? Viele vernahmen jetzt wieder den Ruf der Arbeit und machten sich langsam bereit zu gehen.
Ulla stellte sich unter den Baum, an dem ihr Mann hängte, und umarmte seine Unterschenkel. Tränen rannten ihr über das Gesicht. "Warum?", fragte sie erneut. Sie stellte die Frage lauter, sah dabei den Umstehenden in die Augen, aber auch diesmal blickten sie verstohlen weg oder taten so, als hätten sie nichts gehört. Ulla fluchte über das Dorf, welches bis vor kurzem auch das ihrige gewesen war, den Henker, ihren Mann und alle anderen Männer gleich dazu. Glühend rot leuchtete es in ihren Augen auf, so rot wie das Blut, das aus ihren zu Fäusten geballten Händen herausrann, weil ihre Fingernägel so tief in ihr eigenes Fleisch drückten. Die Umstehenden bekamen es langsam mit der Angst. Und dann, dann wurde sie wirklich laut!
Ihr Mann baumelte derweil an der "Totenbuche". Ein leichter Wind bewegte seinen Leichnam, so dass es schien, er würde sich von selbst bewegen und versuchen, sich so zu befreien. Auf seinem Kopf saßen bereits die ersten Krähen und hackten noch etwas verspielt nach dem, was sich an Weichem unter seinen Augenbrauen befand.
Ulla schrie! Wie Feuer pochte das Blut in ihren Adern. Sie schüttelte den Kopf, hob ihre Arme, flehte gleichermaßen den Himmel wie die Erde an und begann laut, die Kirche und mit ihr die Pfaffen auf ewig zu verfluchen - der Henker ihres Mannes war, so konnte man unschwer erkennen, ein Mönch vom nahen Kloster Avaelium. Es war im Übrigen nicht der einzige Mönch, der sich unter den Anwesenden hier befand.
Plitsch, platsch - Ullas Blut tropfte auf den steinigen Boden. Ihre Arme waren inzwischen über und über dunkelrot gesprenkelt. Die Dorfbewohner sahen einander fragend an. Was sollten sie tun? Viele drehten sich einfach wortlos um und machten sich auf den Weg zurück in ihre Dörfer. Der Priester aus Viehingen aber wollte das nicht zulassen. Für ihn war es Ketzerei, was Ulla Wehrle da tat. Er stellte sich vor die Gehenden und rief sie an:
"Die Frau muss mit dem Satan im Bunde sein! Seht sie euch doch an! Bitte tut etwas, geht nicht einfach so nach Hause! Bitte! Es ist der Teufel ... Der Teufel steckt in diesem Weibe, nichts anderes! Bitte, so tut doch etwas!"
Aber die Männer wussten nicht recht, was sie denn tun sollten. Sie wollten nicht am Ende noch verhext werden und hatten einfach auch Angst. Ein Raunen entstand. Der Priester appellierte weiter an die Umstehenden. Ulla sank inzwischen in das Gras, sie kauerte sich zusammen und stieß zischende, leise Wortfetzen aus. Ihre Handflächen zeigten nach oben. In ihnen hatten sich kleine dunkle Seen gebildet. Sie wischte sich mehrmals über ihr Gesicht. Blut, teilweise schon angetrocknet, blieb an ihren Augenlidern und Wangenseiten haften. Ulla schien das alles gleichgültig zu sein. Sie brabbelte nur noch Unverständliches vor sich hin.
Die Dorfbewohner standen noch immer unentschlossen herum. Keiner wollte den Anfang - vor allem auch welchen? - machen. Da nahm sich der Geistliche ein Herz, er nahm all seinen Mut zusammen und ergriff einen großen Holzprügel. Mit dem schritt er auf die Frau zu und brüllte sie gleichzeitig an:
"Schweig endlich, verdammtes lästerliches Weib! Höre auf, Gott zu lästern!"
Ulla reagierte nicht. Der Mann trat hinter sie, erhob das große Stück Holz und zerschlug dann ihren Schädel mit nur einem einzigen, wuchtigen Schlag!
Der Prügel zerbarst dabei in viele Teile. Von seinem eigenen Schwung überwältigt fiel der Priester gleich neben sie auf die Erde. Als er sich etwas benommen wieder erhob, glitt sein Blick auf seine Soutane, sie war über und über mit Blut verschmiert, mit dem Blut von Ulla. Hastig sprang er einige Meter zurück. Angewidert fasste er über seine Kleidung, Tränen standen ihm im Gesicht. Aber was geschehen war, war geschehen, ein Zurück gab es nicht.
"Bringen wir es denn also auch zu Ende", brummelte er mehr zu sich selbst als denn in Richtung der Beistehenden.
Er beugte sich über den toten Körper der Frau und sprach auf Lateinisch einige kurze Worte. Danach erhob er sich wieder und hielt sein Kreuz zuerst über die am Boden liegende Ulla und dann in Richtung des gehängten Balthasar Wehrle.
Der Leichnam des Mannes glotzte mit nunmehr leeren Augenhöhlen grinsend in die Menge. Sein Körper pendelte wie im Wind langsam hin und her. Dem Priester, wie auch allen anderen, lief mehr als ein kalter Schauer den Rücken herunter, denn bis auf den eigenen Atem war kein Windhauch zu spüren. Es war windstill. Der Geistliche wandte sich wortlos ab und ging zitternd im Gefolge der Dorfbewohner zurück in seine Kirche in Viehingen, eine der Nachbargemeinden von Desserau. Am selben Abend noch verließ er sein Dorf für immer. Einige Jahre darauf wurde er in Erfurt wegen mehrfacher Landstreicherei verhaftet. Er nahm sich kurze Zeit darauf in einer Zelle das Leben.
Ein paar Tage nach dem Tod der Wehrles verfasste Bruder Möbius, der Abt im Kloster Avaelium, einen Brief an den Fürther Dompropst und von da an sollte es einen Eintrag mehr im "Schwarzen Buch wider der Hexerei" geben. Fortan wurde Ulla Wehrle als "Die Hexe Ulla", Eintrag 53.345, anno 1728, geführt. Nachzulesen in der Bibliothek des Doms zu Fürth/Band 17 ab Jahrgang 1693.

Balthasar und Ulla Wehrle hatten zwei Kinder. Ein Mädchen und einen Jungen. Das Mädchen hieß Ayja Marie. Sie wurde in ein Waisenhaus für Mittellose nach Bad Aspen gegeben. Später wurde sie mit dem Bauern Wieland verheiratet und gebar diesem mehrere Kinder. Der Junge hieß Jonas. Und auch er wurde in ein Waisenhaus für Arme gegeben. Von ihm und einigen äußerst mysteriösen Umständen, die sich seit dieser Zeit in Desserau zutrugen, soll diese Erzählung nun im Überwiegenden handeln.


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