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Wendekreis des Grauens

Band 2 - Totendämmerung

Hannas Hülle besaß nach außen hin wenig Widerstand. Der Kämpfer der Lilie, der gerade in ihren Körper stieß, bekam ebenjenes voll zu spüren. Der Dolch glitt in sie, mitsamt dem Unterarm. Er wollte das Messer drehen und dabei herauszuziehen, wie es hunderte Male zuvor geübt worden war, aber es ging nicht. Ihre Innereien, zäh wie die aufgeschwemmten Feldwege im November verhinderten es. Er zerrte und riss. Feuer brannte in seinen Venen. Blaues Licht wanderte über seine Finger, seinen Arm, bis zur Schulter. Das Licht färbte das Fleisch zuerst rot, dann violett und zum Schluss dunkelbraun. Hanna riss das Gliedmaß an seinem Schultergelenk heraus und warf es fort. Der Mann starb. Er hielt noch seine verbliebene Hand gegen die offene Flanke, aber es nützte wenig. Zwar sprudelte aus der durch die Verbrennung kauterisierte Wundöffnung nur wenig Blut, dafür fraß sich das Blau durch seinen Leib und verkohlte ihn von innen her. Schwarzbraun fiel das Übrige in sich zusammen. Ein Teil der blau schimmernden Substanz drängte zurück zu seinem Ursprung. Ein weiterer ward verbraucht, und das für immer.

Erneut erfolgte ein Angriff der Lilie: Von hinten hatte der Mönch seinen Dolch um ihren Hals geschlungen und versuchte ihr den Kopf abzutrennen. Aber auch ihm blühte ein vergleichbares Schicksal. Laut aufbrüllend fasste er den qualmenden Stumpf seines Handgelenkes. Hanna beachtete ihn nicht weiter. An den Stellen, wo die Dolche in sie eingedrungen waren, tropfte eine eigenartige Masse heraus, blauschimmernd und zähflüssig.

In der Nähe lagen noch drei Angeschlagene, die sie von ihren hohen Rössern hatte holen können. Sie sah sie an. Angst stand in ihren Gesichtern, bei zweien mehr, bei einem weniger. Sie nahm die Leiche zu ihrer Linken und hob sie an. Ein Zeichen wollte sie setzen. Weit über den Kopf schwang sie den Kadaver und brach ihn, begleitet von einem entsetzlichen Knacken, mittig entzwei. Die nur noch an wenigen Sehnen hängenden Hälften drehte sie, bis sie gänzlich zertrennt waren. Dann jedoch musste sie erkennen, wie berechtigt der Ruf der Weißen Lilie war. Man trainierte ihnen nicht die Furcht vor dem Tode ab, nur damit sie bei der ersten Schwierigkeit aufgaben und davon rannten.

Als Hanna die zerschmetterten Einzelteile fallen ließ, war Ufuk mit den verbliebenen Mitgliedern der Equipe herangekommen. Auf sein Zeichen hin durchsiebten die Geschosse sie förmlich. Die Bolzen verschmorten zugleich, aber hinterließen offene Stellen, aus denen es azurblau schimmerte. Dann traf sie die nächste Abfolge. Diesmal dauerte es bedeutend länger, bis die Pfeile in ihr verkohlten. Hanna spürte keinen Schmerz, doch sie bemerkte ihre Schwächung. Wenn sie weiter stehen blieb, das wurde ihr deutlich, wäre es bald vorbei mit ihr. Noch während sie das dachte, hatte einer der Liegenden seine Armbrust gespannt und ihr ein Geschoss mittig in den Kopf gesetzt. Sie hatte nicht damit gerechnet.

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Textprobe Wendekreis Band 2
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