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Die alte Frau war tot. Am Morgen fand Jochen, ein Küfer, ihren Leichnam. Er lag am Fuße jenen Hügels, über den niemand mehr gern zu reden wagte. Neben ihr, von rohen Kräften zerfetzt, ein Bündel Holz, mehr Span als Ast. Pilzkrümel waren aus dem Rockschoß gekullert und hatten sich über den aufgerissenen Leib und der näheren Umgebung wie Brosamen verteilt. Zwischen ihnen und all dem Blut wuchs Sauerampfer. Jochen stand einfach nur da und beobachtete sie. Lange vermochte er sich nicht von diesem Bild abzuwenden, das ihn gleichzeitig mit Abscheu wie Faszination erfüllte.

Stunden waren vergangen. Dutzende Menschen hatten sich nach und nach am Ort des Geschehens eingefunden. Unter ihnen auch der Landgraf von Scharenbroich sowie der Dorfschulze und Bergmann, der Arzt. Bergmann war von hagerer, eher kleinerer Statur. Sein Gesicht wirkte ausgemergelt, die Haare hingen ihm wirr herab. Von Scharenbroich überragte ihn um Haupteslänge, auch er war dünn geraten. Im Gegensatz zum Arzt trug er sorgsam gewählte Kleidung. In den Händen in Höhe der Brust hielt er einen Dreispitz. Der Dorfschulze Arbogast Pappenhusen passte von der Größe her zwischen sie, nur sein Bauch, der stach heraus.

Die Alte lag noch immer auf dem Grasboden. Ein Überwurf, wahrscheinlich der des Küfers, bedeckte ihren Körper bis zum Hals. Arme und Beine lugten an den Seiten hervor. Der Stellung nach mussten sie vom Körper abgetrennt worden sein. Jemand hatte die herumliegenden Organstücke und größeren Gewebebrocken zu einem Haufen zusammengetragen. Der Landgraf schaute missmutig auf das Gesicht der Toten.

»Und du hast sie heute morgen gefunden, Jochen?« Jochen nickte, sagte aber nichts weiter dazu. »Wohl wieder ein Mord der Hexe, was?!«

Von Scharenbroich bestätigte damit die Vermutung vieler der Umstehenden. Lösch Bergmann wollte etwas sagen, unterließ es aber. Es hätte eh’ keinen Sinn gehabt. Ein Murmeln ging durch die Menge. Die Menschen bekreuzigten sich: Die Hexe wieder! Seit Jahren ging das nun.

Eine Gruppe Melkanermönche des nahen Klosters kam aus dem Wald und auf die Anhöhe zu. Sogar bis nach Sankt Elium war das grauenhafte Ereignis bereits gedrungen. Einer von ihnen trat vor und sprach leise mit dem Grafen.

»... ja, wahrscheinlich wird es so sein«, meinte Bergmann, der ein Stück an die beiden herangerückt war, verstanden zu haben. Doch was genau sie miteinander besprachen, blieb ihm verborgen. Anschließend beugte sich der Mönch zu der Toten. Er gebot den Anwesenden, ein Stück zurück zu bleiben, und kniete nieder. Vorsichtig und mit spitzen Fingern hob er den Überwurf ein Stück an, ließ ihn aber fast augenblicklich wieder fallen. Seinem Gesicht war alle Farbe entwichen und er zitterte, während er einen Gebetstext mehrfach wiederholte: »Ave maria, gratia plena. Dominus tecum, benedicta tu in mulieribus ...«  

Bergmann wusste nicht, in was für einem Zustand sich der Leichnam befand. Er hatte zuvor auch einen Blick auf ihn werfen wollen, aber es war ihm verwehrt worden. Was auch sonst, hörte er sich im Geiste dazu sagen. Nein, heimisch würde er hier sicherlich nie werden. Bitterer Magensaft zog sich die Kehle hinauf; das kam von zuwenig Brot und zu vielem Wein. Der Mönch schien sich wieder gesammelt zu haben. Er wischte ein paar Erdreste von seiner Kutte und sprach mit dem Dorfschulzen.

»War sie getauft?«, fragte er.

Der Dorfvorsteher zuckte kurz mit den Schultern, er hatte keine Ahnung. »Ja«, stammelte er und dann bestimmter: »Sie war getauft, bin mir ganz sicher.«

Der Mönch, Bruder Michel mit Namen, schaute ihn eine Sekunde lang schneidend an, drehte sich aber zum Landgrafen hin: »Sie sollte verbrannt werden und das am besten sofort. Wer weiß, welche Bösartigkeit nun in ihr inne wohnt.« Noch bevor der Arzt eine Möglichkeit fand, Bedenken zu äußern, war für von Scharenbroich bereits die Entscheidung gefallen und er stimmte dem Pater aus St. Elium in extenso zu.

Am Abend des gleichen Tages befand sich Bergmann wieder im Springenden Eber, einer der Schankstuben Desseraus, als der Totengräber Martin Fallesleben sich neben ihn gesellte und ihm einen ausgab.

»Sie ist bestimmt schon die vierte Tote gewesen«, meinte Lösch und fing ein Gespräch mit ihm an.

»Die Zwölfte«, berichtigte Fallesleben. »Ich muss es wissen, ich bring sie ja unter die Erde, hah!«

Er lachte schallend auf. Seine Angabe stimmte nicht. Er wollte sich nur wichtig machen. Die Zahl der Menschen, die bislang tot im Wald oder auf dem Hügel aufgefunden wurden, war erheblich geringer.

»Wenn Sie mich fragen«, meinte Fallesleben und blickte dabei verschwörerisch zu ihm hinüber, »rächen sich die Toten gerade an den Lebenden!«

Wieder lachte er. Es erinnerte Bergmann an das Meckern eines Ziegenbocks. Danach warf Martin einige Geldstücke auf den Tresen und machte sich auf den Heimweg. Lösch sah ihm nach. Eigentlich hätte ihm der Durst nach solch einem Gespräch vergehen müssen, doch es geschah nicht. Aber diese Erkenntnis war ihm nicht mehr wirklich neu.

 

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Wendekreis des Grauens

Band 1 - Totenstarre

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