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Der Fuchs und die Gräfin

 

 

 

 

Es war einmal zu einer Zeit, in der es noch keine Autos gab, keine Flugzeuge, keine Eisenbahnen, keine Videospiele und auch die heute so selbstverständlichen DVDs oder BluRays waren noch gänzlich unbekannt.

  Zu dieser Zeit nun lebte eine alte und äußerst dürre Gräfin. Sie krankte schon seit längerem und spürte ihr baldiges Ende nahen. Doch sie wollte nicht sterben, zumindest noch nicht. Daher ließ sie einen Medikus kommen. Dieser untersuchte sie und schüttelte dann betreten sein Haupt. Erbost warf sie ihn hinaus und verlangte nach anderen und besseren seines Fachs. Doch wer sie auch konsultierte, alle gaben ihr die gleiche trostlose Diagnose und keiner vermochte ihr zu helfen.

  Gleichzeitig lebte auf dem Gut ein Gast. Allerdings ein unwillkommener. Er scherte sich nicht um das Los der alten Dame. Nein, er räuberte lustig Hühner, Gänse, Enten und anderes Federvieh. Und warum sollte sie ihn auch kümmern, schließlich war er ein Fuchs und er tat, was er tat, weil es in seiner Art begründet lag. Die Gräfin war schwer verärgert ob dieses Eindringlings. Sie ließ ihn jagen, ließ Fallen stellen und dergleichen mehr. Der Fuchs aber entkam allen Versuchen dieser Art.

  Doch wie das in Geschichten wie diesen ebenso üblich wie unvermeidlich ist, kam es, wie es kommen musste: Eines Morgens, an einem Donnerstag, es regnete wieder einmal und Vollmond hatte letzte Nacht geschienen, kam die Magd Elisabeth aufgeregt in den Salon der Gräfin gestürmt und meldete bestürzt einen weiteren Diebstahl des dreisten Hühnerdiebes. Zufällig war gerade ein Mediziner von üblem Ruf Gast im Hause. Man sagte ihm nach, er würde mit dem Teufel persönlich im Bunde stehen. Und danach sah er auch aus. Die Gräfin hörte sich die Klagen Elisabeths an und immer wütender wurde sie selbst dabei. Sie schimpfte die Magd und verfluchte den Fuchs. Außer sich vor Zorn erzählte sie dem staunenden Gast, dass wegen dieses Tieres sie noch einmal ins Armenhaus würde gehen müssen. Am Rande sei noch vermerkt, dass die Gräfin über umfangreiche Ländereien, mehrere Herrenhäuser sowie dutzende Bedienstete nebst deren Familien, die sie wie Leibeigene behandelte, verfügte. Aber wie auch immer; Zorn glühte rosa hinter ihren pergamentenen Wangen. Sie konnte es nicht ertragen, dass jemand einfach daherkam und etwas aus ihrem Besitz nahm, aus ihrem Besitz! Obgleich, nun ja, obgleich sie doch eigentlich mehr als genug besaß.

  Der Medikus, der zwar aussah, wie der wilde Wutz, jedoch alles andere als dumm daher kam, sah seine große Stunde nahen. Er ersann eine Möglichkeit, wie er schnell an ein paar hundert Taler, damals ein hübsches Sümmchen, kommen könnte und schlug der Gräfin einen Pakt mit den Mächten der Finsternis vor. Die Seele dieses einen Fuchses sollte der Gräfin Gesundung verschaffen. Sie zögerte zuerst. Aber nachdem der Mann von fünfhundert auf vierhundertfünfundzwanzig im Preis herunter gegangen war, gab auch die Gräfin ihr Einverständnis.

  Am nächsten Abend bereits sollte das finstere Ritual vollzogen werden. Hierzu malte der Doktor, sofern er denn einer war, ein Pentagramm auf den Boden. Und er drapierte eigenartige Gegenstände, wie einen Dolch, einen Spiegel und derlei Unsinn mehr um das Gebilde herum. Um den Austausch der Seelen zu vollziehen, würde er dann das Herz des besagten Fuchses opfern. Nun, die geneigte Leserschaft wird jetzt sicher den wunden Punkt dieses Handels bemerkt haben: Es war der Fuchs. Denn der musste erst noch gefangen werden. Es sei denn, er würde freiwillig sein Leben für das der alten Dame hergeben. Was aber als eher unwahrscheinlich galt.

  Der nächste Morgen.

  Die Sonne war noch nicht aufgegangen, die Blumen schliefen noch. Irgendwo krähte ein Hahn. Das Leben kehrte langsam auf den Planeten zurück. Die ersten Sonnenstrahlen ließen den Horizont erstrahlen. Bienen begannen mit ihrer Tätigkeit. Auch die Sonnenblumen öffneten ihren Blätterkranz dem aufsteigenden Licht entgegen. In einem Bau nicht tief unter der Erde bewegte sich ein Kringel aus rotbraunem Fell. Eine Pfote wurde sichtbar und dann noch eine. Fuchs blinzelte verschlafen. Er streckte und reckte sich. Mit einem freundlichen Gähnen begrüßte er den neuen Tag. Ein leichtes Magenknurren war zu vernehmen.

  In der Ferne hörte er leises Hundegebell. Einen Menschen hätte das sicher nicht weiter gewundert. Ein Fuchs indes, der erheblich besser als wir Menschen zu hören vermag, kannte diese Art Bellen nicht, das machte ihn unruhig. Er erhob sich und lief den Geräuschen entgegengesetzt zuerst aus seinem Bau und dann einen Abhang hinunter. Nach einer Weile wurde es ruhiger. Die Hunde waren kaum mehr zu hören. Der Fuchs verlangsamte seinen Gang und begann zu traben. Er kam auf eine große, grüne Wiese zu. Bienen schwirrten vereinzelt an ihm vorbei und der schwarze Holunder stand jetzt kurz vor der Blüte. Sein Magen knurrte vernehmlich, Zeit, nach Beute Ausschau zu halten.

  Plötzlich und ohne jede Vorwarnung stürmten zwei riesige schwarze Monster auf ihn zu. Sabbernd und mit weit geöffneten Schlünden kamen sie ihm bedrohlich nahe. Erst in letzter Sekunde warf sich der Fuchs herum, stob, eine Kehrtwende andeutend, mitten durch sie hindurch. Einen Hügel hinauf, herunter, dann den nächsten Aufwurf überwindend, ging es eine ganze Weile. Die beiden Verfolger ließen sich Zeit. Der Abstand blieb immer gleich. Die Jagdhunde, denn um solche handelte es sich, schienen nicht im Mindesten müde zu werden. Der Fuchs konnte das so nicht behaupten. Er spürte das Pochen seiner Muskeln und die Schmerzen in der Lunge.

  Hinter einer Biegung und durch das Loch im Zaun kam er auf den Hof des Bauern. Die Hühner flatterten verängstigt auseinander, doch dafür hatte er jetzt keine Augen. Ein großer Kettenhund, Ben sein Name, lag wie immer angeleint vor seiner Hütte. Er roch den Fuchs und sprang instinktiv hoch. Im Lauftempo kam er sehr nahe an Bens Hütte vorbei und dieser schnappte zu. Damit war nicht zu rechnen gewesen. Ben galt sonst eher als ruhiger Vertreter seiner Art. Er hatte ihm nur selten und dann auch nur meist wenig Ärger beim Verschaffen seiner Mahlzeiten gemacht. Doch diesmal war dem Fuchs das Glück nicht hold und außerdem kam Pech hinzu. Er versuchte, noch einen verzweifelten Haken zu schlagen. Bens Maul verfehlte ihn, aber eine Tatze riss ein Loch in sein schönes, seidiges, rot-braunes Fell und hinterließ tiefe rote Striemen.

  Der Fuchs spürte den Schmerz kaum noch. Er rannte völlig erschöpft immer weiter und weiter. Über Äcker und Felder ging es bis zum Ufer des kleinen Flusses Perlabach. Dort gab es eine hohe Uferböschung, die einem Graben gleich an den Seiten des Wassers verlief. Mit einem guten Sprung konnte ein Fuchs durchaus den Fluss überwinden und vielleicht dadurch auch die Hunde hinter sich lassen. Er setzte an zum großen Sprung, seine Verfolger waren nur wenige Meter entfernt. Er warf sich in die Luft - doch was geschah? Oh je, der Satz war viel zu kurz. Der Fuchs knallte böse gegen die Uferböschung. Er krallte sich an dornigen Zweigen fest und zog sich mit einem schon fast menschlichen Überlebenswillen nach oben.

  Der Sprung hatte viel Zeit gekostet. Zu viel Zeit. Der erste der beiden Jagdhunde, der auf den poetischen Namen Ori hörte, war schon über die Böschung gehechtet. Der zweite, Oin sein Name, verfehlte, wie der Fuchs, auch die Oberkante. Platschend landete er im Wasser. Als sich ihr Opfer nun mühsam nach oben robbte, war Ori über ihm. Er verbiss sich in seinem Fell. Und was soll ich es noch beschreiben – es sah übel aus für ihn. Der Fuchs blutete aus vielen Wunden, halbblind und schwer atmend, lag er da. Oin kam hinzu und sein Ende wäre bald besiegelt gewesen. Die beiden aber waren sich nicht grün und es begann ein Streit um die Beute.

  Zur gleichen Zeit im Herrenhaus der Gräfin.

 Alles war vorbereitet, es fehlte nur noch das Herz des toten Fuchses. Dem Medikus wäre zwar ein noch schlagendes lieber gewesen, aber nachdem ihm der Jagdmeister begreiflich machen konnte, dass es schier unmöglich war, solch einen Räuber lebend zu fassen, hatte er sich besonnen, das Ritual ein wenig abgeändert und stolz der Gräfin noch am Abend zuvor verkündet:

  »Wenne Euer Jagdmeister es schaffe und das Tier bringe und es weniger als eine Stunde nache dem Tode sei.« Er machte eine dramatische Pause und zischte dann weiter in beschwörendem Ton und mit bewusst falsch gesetztem Akzent: »Dann könne wirr das Rittual  – unter großen persönlichen Mühen, wie ich an dieser Stell aanfügen möchte – trotzedem a wie besprochen durcheführen. Solle es so sein, teuerste Gräfin?«

  Die Gräfin gab sich, wie gesagt, einverstanden.

 Als die beiden Hunde sich nun um den Fuchs balgten, schleppte sich dieser davon. Er sammelte noch einmal alle Kräfte, stemmte sich auf seine blutenden Pfoten und schwankte dem Waldessaum entgegen. Die Hunden bemerkten mittlerweile, dass ihr Jagdobjekt nicht mehr an der Normal Stelle lag, wo es eigentlich noch hätte liegen sollen. Sie unterbrachen ihren Zwist und rannten dem Fuchs hinterher. Es folgte eine kurze Hatz. Der Fuchs, mit einem kleinen Vorsprung ausgestattet, hätte es vielleicht noch schaffen können. Er hätte vielleicht noch den Waldesrand erreichen und dort ebenso vielleicht im dichten Unterholz entweichen können. Aber siehe da! Er blieb stehen, denn er begriff nun den immerwährenden Kreislauf des Lebens; des Gedeihens und des Sterbens. Die Hunde kamen langsam auf ihn zu und töteten ihn dann ohne viel Aufhebens.                                                                                  

 

 Eine Woche später war der Medikus abgereist und die Gräfin verstorben. Zeitgleich erwachte irgendwo auf dieser Welt ein Fuchsjunges zu neuem Leben. Aus einer gewissen Perspektive betrachtet sah es fast wie eine kleine Gräfin aus.

 

 

 

 

Dulsberger Enthüllungen
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Der Fuchs und die Gräfin
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