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Thomas Sichelschmied

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Das Geheimnis von Dulsberg
Von André Dessaules
Es war 22.00 Uhr abends, als es draußen dunkelte. Im Büro eines gewaltigen Verwaltungskomplexes in der Nähe von Hamburg wurde immer noch gearbeitet. Manche Menschen kennen offensichtlich kein Privatleben. Dies traf vermutlich auch auf Frank Nockermann zu, der sich äußerlich als ein Mann, der etwa Mitte dreißig war, beschreiben ließ. In seinem dunkelblauen Anzug mit Schlips gekleidet wirkte er unscheinbar und verfügte über das typische Pflichtbewusstsein, wie es eigentlich nur Beamte haben. Diese Form der Kleidung trug er nur, da sein Arbeitgeber dies von all seinen Mitarbeitern verlangte. Die Mehrheit seiner Kollegen bezeichnete sie daher auch als Uniform. Für ihn war sie zum Bestandteil seines Ichs geworden.
Er war ein Mensch, der sich ungern seiner Umgebung anpasste, aber er wollte nicht unangenehm auffallen und vermied jeden denkbaren Ärger. Die Gesellschaft machte aus ihm den perfekten Befehlsempfänger, der an das Wohl seiner Familie dachte und auf seinen Job angewiesen war. Es bestand eine Abhängigkeit, aus der er sich nicht mehr befreien konnte und er entwickelte sich zum Sklaven seiner Arbeit und seiner Pflichten. Dabei schien ihn der Berufsalltag immer stärker zu überfordern, da die Arbeit seine volle Aufmerksamkeit verlangte. Der Leistungsdruck, der auf ihn lastete, war enorm, sodass sein Familienleben in letzter Zeit deswegen viel zu kurz kam. Seine Ehe stand vor einer inneren Zerreißprobe. Seine Nerven erreichten einen riesigen Spannungsbogen, der ein Gefühl der Unverträglichkeit bei ihm verursachte, sodass er kurz vor dem seelischen Zusammenbruch stand. Selbst die Medikamente, die er regelmäßig einnahm, um seine schwachen Nerven zu beruhigen, halfen nur noch bedingt. Zusätzlich machten sich auch seine Depressionen bemerkbar, die verstärkt seit seiner Ehekrise in Erscheinung traten.
Seine Stimmungsschwankungen wurden ihm zu einer großen Qual. Die Arbeit fraß ihn buchstäblich auf. Er hatte das Gefühl, dass kaum noch etwas von ihm übrig blieb. Jedoch, was sollte er tun? Der Job wurde gut bezahlt und die Arbeitsmarktsituation hatte sich in letzter Zeit noch verschlechtert. Es lastete eine große Verantwortung auf seinen Schultern. Er erschien häufig abgekämpft und müde auf der Arbeit. Die Erschöpfungszustände waren in seinem Gesicht abzulesen.
Er betrat nach einer kurzen Kaffeepause wieder sein kleines Büro. Dort herrschte absolutes Chaos. Unsortiert lagen Papiere auf dem ganzen Schreibtisch verteilt. Das unaufgeräumte Büro war das Ergebnis seiner Überforderung. Er musste damit rechnen, dass sein Chef eventuell noch vor Feierabend vorbei kommen würde, um ihn zu kontrollieren. Dies machte er häufiger und zwar jedes mal unangemeldet. In letzter Zeit hatte Nockermann wegen dem Chaos auf seinem Schreibtisch viel Ärger mit seinem Vorgesetzten, worauf er keine Lust mehr hatte. Er machte sich zügig an seine Arbeit, auch um sich eine Auseinandersetzung mit seinem Boss zu ersparen. Beim Sortieren der Ablage entdeckte er einen größeren Briefumschlag ohne Absender auf seinem Schreibtisch, worauf nur die Adresse seiner Arbeitsstelle und der Eingangsstempel, der mit dem 16.07.2068 datiert wurde, zu sehen war. Bei der Adresse befand sich der Zusatzhinweis »zu Händen Herrn Nockermann«. Der Briefumschlag war verschlossen und hatte auch ein gewisses Gewicht, wie er bemerkte. Vermutlich wichtige Informationen, die mit der Arbeit seines Jobs in Verbindung standen.
Natürlich wollte er wissen, was es mit dem Inhalt des Briefes auf sich hatte, da es ungewöhnlich war, dass er solche Post in seinem Büro fand. Er fragte seinen Kollegen Rolf Lose aus dem Nachbarbüro, der ihm auch keine weiteren Hinweise geben konnte. Das Einzige, was sein Kollege ihm in diesem Moment mitteilte: »Ein Kurier hat die Post heute Nachmittag abgegeben.« Diese Information half Nockermann in dieser ungewöhnlichen Situation nicht weiter, aber genau dieses verstärkte seine Neugier und er vergaß dabei sogar, dass er eigentlich sein Schreibtisch aufräumen wollte. Dann öffnete er den Umschlag, holte mehrere geschriebene Seiten heraus und las folgende Zeilen:
Hamburg, d. 15.07.2068
Sehr geehrter Herr Nockermann,
es ist zugegebenermaßen schwierig für mich, hier die richtigen Worte zu finden. Jeder ernsthafte Journalist kennt dieses Problem. Und ernsthafte Journalisten gibt es zurzeit nicht mehr viele und sie werden meist politisch verfolgt. Sie werden von unserer Regierung zu Staatsfeinden degradiert. Die politische Gleichschaltung der Medien ist leider zur Normalität geworden. Die Hofberichterstattung erweist sich als bitterer Alltag, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, welches sich leider nicht ignorieren lässt. Daran wird sich so schnell nichts ändern. Denn auch der S.A.-Medienkonzern erlangte zu viel Macht in den letzten Jahren. Andere Medienkonzerne, davon gibt es bekanntermaßen nicht mehr sehr viele, haben nur noch eine Alibifunktion, deren Aufgabe sich nur darauf beschränkt, eine Meinungsvielfalt der Presse vorzutäuschen. Diese Tatsache ist Ihnen sicher nicht neu, aber trotzdem verspürte ich das Bedürfnis, es hier offen im Brief anzusprechen, da es sich nur noch wenige trauen, es offiziell zu machen ...
Die Geschichte ist nicht zuende. Es wird noch turbulent. Und für Frank Nockermann mehr, als ihm lieb sein kann.