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Thomas Sichelschmied

Sichelschmied.de

Virago
Geschichten beginnen an den ungewöhnlichsten Orten. Einige in der Vergangenheit, andere in der Zukunft und manche auch schlicht am Anfang. Diese hier begann im Jahre 2027 in einem Hamburger Straßencafé.
Eine junge Frau betrat die Lokalität in der Saseler Twiete 19, einer recht ruhigen Nebenstraße im Norden der Hansestadt. Sie schlenderte zu einem der freien Tischchen im Inneren. Dann setzte sie sich, legte den Helm auf einen der Nachbarstühle und wartete auf die Bedienung. Gekleidet war sie trotz der schon warmen Maisonne in eine schwarze Lederkombi. Draußen am Straßenrand, unweit der Eingangstür, parkte ihr Motorrad. Es handelte sich um eine ältere Maschine mit viel Chrom, Stahl und einem der nicht mehr zulassungsfähigen Verbrennungsmotoren. Der Hitze zufolge, die Motor und Krümmer noch ausstrahlten, musste sie eine längere Strecke gefahren sein. Satteltaschen ähnliche Koffer hingen links und rechts und eine verkürzte Sissybar rundete das Bild nach hinten ab.
Im Chrom der Auspuffrohre spiegelten sich die Beine der Vorbeigehenden. Doch für solch filigrane Einzelheiten hatte der dürre Mann am Tresen keine Augen. Er schaute, nein stierte geradezu zu der jungen Frau hinüber. Sie bemerkte ihn. Natürlich. Dann erhob er sich, nahm gewichtig sein Bierhumpen und ging geradewegs zu ihr. »Da draußen, dass ist doch eine Harley Davidston?«, fragte er und eröffnete damit ein Gespräch.
»Davidson, heißt das, nicht Davidston. Und nein, es ist eine Virago«, mehr beiläufig antwortete sie ihm, ohne den Blick von der Bestellkarte zu nehmen. Er blieb weiterhin neben ihr stehen.
»Die ist schon alt, oder? Ich tippe 2006 oder ’08.«
Die Frau, Carla hieß sie, wurde langsam ungnädig. Der Typ nervte sie, außerdem verströmte sein Atem saure Luft. »Es ist eines der Letzten der V8er.«, gab sie zur Antwort.
»Häh?«
»Das war ein Filmzitat ... Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, es ist eine der letzen regulären Maschinen. Baujahr 2003. Warum wollen Sie das wissen? Sie sehen nicht aus, als wenn sie schon einmal auf einem Motorrad gesessen hätten.«
»Ach, ich sehe also nicht wie ein gestandenes Windgesicht?« Er nahm einen weiteren kräftigen Schluck. »Aber wie, mein schönes Fräulein, sehe ich denn dann aus?« Er grinste breit. Eine Zahnlücke und ein schiefer Schneidezahn taten sich auf. Es wäre besser für den Mann gewesen, dem seine Eltern die poetischen Vornamen Huobert Eugen gegebenen hatten, nicht zu fragen. In Carlas Gesichtszügen spiegelte sich eine gewisse Gereiztheit, die aber von ihm scheinbar unbemerkt blieb – oder einfach ignoriert wurde.
»Wie Sie aussehen, wollen Sie wissen? Wirklich?«
Er nickte und griente noch eine Spur breiter Die Zahnlücke besaß noch einen Bruder auf der linken Kieferseite. Auch er wurde nun sichtbar.
»Gut. Lassen Sie mich mal überlegen ...« Sie spitzte die Lippen, tippte mit dem Zeigefinger dagegen. »Ich denke ... ja, ich denke, Sie sehen aus wie jemand, der eine Frau nur deshalb nach ihrem Motorrad fragt, weil er darin eine Möglichkeit sieht, auf ihre Titten und ihren Arsch zu starren und sich dabei vorzustellen, wie es denn wohl wäre, sein kleines verkrüppeltes Ding in ihre Möse zu stopfen. Ja, so denke ich, sehen Sie aus.«
Huobert fiel die Kinnlade nach unten. Aber sie hatte nicht unrecht, er sah wirklich ein bisschen danach aus. Hinter dem kleinen, viel zu untergewichtigen Mann war inzwischen ein Kellner erschienen. Er lächelte verlegen und traute sich kaum etwas zu fragen. Carla bestellte ein Kirscheis mit Sahne und dazu einen Cappuccino ohne Süßstoff (wegen der Krebsgefahr), aber dafür mit unraffiniertem Zucker. Huobert zahlte wortlos und verließ dann puterrot das Café; er würde es nie mehr betreten. Schon deshalb nicht, weil er derart in Gedanken über das eben Erlebte einen LKW übersah und wenige Tage darauf an den Folgen dieses Unfalles noch im Koma liegend seinen zahlreichen Verletzungen erlag.
Das Eis schmeckte nach Gummi, passend zu den Kirschen, aber der Cappuccino holte alles wieder raus. Er war einfach nur köstlich. Nachdem sich ihr Puls und auch ihr allgemeiner Zustand wieder ein wenig beruhigt hatten, fand sie die Muße, das zu tun, weshalb die meisten Menschen ein Etablissement dieser Art betraten; nämlich, um Leute zu beobachten. So las, leicht versetzt am Tischchen neben ihrem eine ältere Dame in einer Zeitschrift, einer Ausgabe der Gala aus dem Jahre 2012, wohl ein Nachdruck. Hinter ihr knutschte wie wild ein Pärchen und dahinter, sie verrenkte ihren Kopf, um ihn zu sehen, saß ein Mann. Auch er schaute zu ihr herüber. Oh, nein, nicht schon wieder einer von der Sorte, dachte sie und ignorierte ihn fortan einfach.
Das Interieur hier gefiel ihr. Es war eine entspannte Mischung aus 80er-Jahre-Stil des vorangegangen Jahrhunderts – klare Linien, viel Metall, Kunststoff – und andererseits ein bisschen Verwegenes einer Havanna-Bar mit unbearbeitetem Holz im Tresenbereich., dazu einer Landkarte vom ehemaligen Kuba und dem unvermeidlichen Che-Bild. Daneben, vermutlich gedacht als Gegensatz, das berühmte Poster von George Bush nach dem Kriegsverbrecherprozess in Den Haag.
Der Mann schaute noch immer zu ihr herüber. Nicht so penetrant wie der Typ vorhin, aber trotzdem, sie bemerkte es. Wieder zwang sie sich, ihre Blicke schweifen zu lassen. An der Wand, wo die Landkarte vom ehemaligen Kuba ... Wieso sagt eigentlich alle Welt immer ehemaliges? Und sie sagte das auch. Warum? Kuba hieß immer noch Kuba, oder etwa nicht? Ein Schatten baute sich vor ihr auf. Er gehörte zu der Person, aus der hinteren Ecke. Sie war tief in Gedanken gewesen, hatte sein Kommen nicht bemerkt und erschreckte nun sogar ein wenig, als er ganz plötzlich vor sie trat. »Kann ich helfen?«, fragte sie eine Spur zu hastig, um noch souverän zu klingen.
»Nein. Oder vielleicht doch.« Auch er wirkte unsicher. Seine Stimme klang rau. »Ich habe vorhin - versehentlich - das Gespräch mit angehört. Und ... nun ja, es geht mich eigentlich nichts an, aber ich wollte sagen, nicht alle von uns sind wie der Kerl.« Er wirkte nun noch eine Spur unsicherer.
»Ach ja, wirklich?«, wobei es härter klang, als von ihr beabsichtigt.
»Mein Name ist Hans«, ignorierte er ihren scharfen Ton und streckte ihr die Hand hin, »und bevor sie mich nach meinem Aussehen fragen ... ich lebe seit Jahren mit meinem Freund zusammen.«
Jetzt lächelte auch sie, wenn auch nur verhalten. »Ich bin nicht immer so«, meinte sie und erwiderte den Händedruck. Dann räumte sie den Helm von Nachbarstuhl und bot ihm einen Platz an.
»Ich sah sie mit dem Moped kommen. Eine Virago hatte ich auch mal. Meine war übrigens schwedischer Grauimport.« Er musste den letzten Teil des Satzes wiederholen, weil vor dem Café gerade ein Krankenwagen im Eiltempo mit Blaulicht und zugeschaltetem Martinshorn vorbei fuhr.
»Schön. Und jetzt nicht mehr?«
»Der Zahn der Zeit. Zuerst wollte einer der Vergaser nicht mehr. Ich habe dann einen Schwenkschwingen-Zweitakt-Flachschiebervergaser mit 41er Durchlass verbaut. Originale von Mikuni gibt’s ja längst nicht mehr. Dann ging das nächste Teil kaputt und so weiter. Schließlich hab ich sie bei Ebay mehr oder weniger verschenkt.«
»Is’ verdammt schwer, für die alten Dinger heut’ noch Teile zu kriegen. Ich hatte das Problem auch mal mit den Lufthutzen. Und seit die Japaner nun gar keine Maschinen mehr produzieren …«
»... gibt es nur noch diesen Mist aus Italien«, beendete er ihren Satz. »Und haben weder ABE, noch passen sie.«
»Genau.«, meinte Carla.
Schweigend saßen sie eine Weile da. Carla trank an ihrem zweiten Cappuccino und Hans, der seinen Macchiato nachgeholt hatte, schlürfte leise aus seinem Glas. »Ich fand das vorhin sehr mutig von Ihnen«, sprach er in die Stille hinein.
»Mutig? Ich weiß nicht. Nennen sie mich Carla. Mutig ...«, sie atmete tief aus, dachte nach. »Nein, mutig war das eigentlich nicht. Der Kerl tat mir nachher fast ein bisschen Leid.« Und um das Thema zu wechseln, meinte sie: »Was machen Sie eigentlich sonst; außer in Cafés fremde Gespräche zu belauschen?«
»Ich?« Er wurde leicht rosa um die Wangen. »Ich bin Schichtleiter bei Schill-Nockermann in Harburg.« Schichtleiter zu sein, war zwar keine direkt falsche Auskunft, aber auch nicht unbedingt das, was man landläufig unter Wahrheit verstand, denn eigentlich betrieb er mit zwei anderen Freunden das Antiquariat: die, when the Dead walk. Eine Einrichtung, die in der Hauptsache auf unzensierte Versionen von Romeros Untotenfilme spezialisiert war und zudem über ein Schreibbüro für angehende Autoren oder andere erfolglose Künstler verfügte. Zum Leben reichte das, was der Laden abwarf nur selten. Und nachdem er das eine und andere Mal mehr vor der Frage gestanden hatte, ob er weiterhin die Dosenravioli und Dauerwurst der Marke Lidl zu sich nehmen und einmal vielleicht Ähnlichkeiten mit gewissen Gestalten der verkauften Filme aufweisen würde oder ob er nicht doch noch versuchen sollte, zusätzlich Geld zu verdienen, entschied er sich gegen die Dauerwurst. »Enttäuscht?«, fragte er, nachdem Carla zunächst nichts antwortete.
»Nö, wieso«, sagte sie, aber ein bisschen enttäuscht war sie schon. Sie tranken beide weiter. Enttäuscht, dachte sie, wieso soll mich das ... Und warum, ich meine, er ist doch sowieso ... und überhaupt. Und wenn er nur so tut? Dann sah sie seinen abgespreizten kleinen Finger und seinen Blick auf die beiden gut gebauten jungen Männer, die gerade die Lokalität verließen. Ach egal, dachte sie. Eine Spur von irgendetwas nicht zu Erklärendem war jedoch dabei.
»Ich muss weiter, meine Schicht beginnt und die Maschinen wollen beladen werden ...« Sie hatte ganz in Gedanken gar nicht bemerkt, dass er aufgestanden war. »Ich bin morgen zur ungefähr gleichen Zeit wieder hier. Vielleicht sehen wir uns ja, wenn Sie mögen.« Die Jacke hing lässig über der Schulter. Er schenkte ihr ein jungenhaftes Grinsen und wollte gerade gehen, da fiel Carla doch noch etwas ein:
»Weshalb sagen eigentlich alle immer ehemalig?« Und dann, auf seinen ratlosen Gesichtsausdruck: »Na ja, alle Welt spricht von Kuba immer als das Ehemalige. Wissen Sie, warum?«
Er setzte sich wieder. »Ja, ich denke schon. Kuba wurde nach dem Putsch ´12 zahlungsunfähig und verkauft. Abgewickelt, nennt man derartiges wohl in der Fachsprache. Die neuen Besitzer haben sie in Dianetica umbenannt. Ein paar Jahre darauf gab es dann diese berüchtigte Zoonose-Sache mit dem DN-01.
»DN-01. Zoo …, was bitte ist das denn?«, fragte Carla nach.
»Zoonose. Ein Virus, der von seinem ursprünglichen Betätigungsfeld – sagen wir Pflanzen – mutiert und auf Menschen übergeht. Wie die Schwedische Mutterkorn-Pandemie im Jahre 2016. Oder eben der DN-01-Virus vom ehemaligen Kuba. Zum DN: Es gibt Gerüchte, recht anhaltende sogar, nach denen dieses Mistviech, das von Kuba oder dem ehemaligen ausgehend, bis in den mittleren Westen der Vereinigten Staaten hinein wütete, absichtlich und von Menschenhand hergestellt worden ist. Man munkelt von einem missglückten Experiment, das den Verursachern sprichwörtlich um die Ohren flog. Aber das sind, wie gesagt, Gerüchte.«
»Und das weiß alles ein Schichtleiter bei Schill-Nockermann?«
»Ja … Warum denn nicht? Kuba, ehemaliges Kuba, Dianetica, den jetzigen Bewohnern ist es wahrscheinlich eh pups-egal, wie man ihren Aufenthaltsort bezeichnet.«
»Wie kommen Sie denn darauf?«, meinte Carla. »Mir wäre das nicht egal.«
»Ihnen sicher nicht und mir auch nicht, aber ich denke, Kakerlaken ist der Name des Ortes gleich, auf der sie herumkrabbeln. Und sonst lebt da nichts mehr. Wegen der Zoonose eben. So, nun muss ich aber wirklich ...« Damit erhob er sich erneut und stampfte überraschend agil davon.
Carla fühlte sich merkwürdig und auch ratlos. Trotzdem oder genau deshalb kam sie am folgenden Tag wieder in das Café an der Saseler Twiete 19. Hans war auch da.
Oftmals nun trafen sie sich, tranken Kaffee, aßen Kuchen, manchmal auch Eis und redeten. Langsam begann eine Vertrautheit, die mehr und mehr in Freundschaft umschlug, wie bei zwei Einsiedlern, die erkennen, dass sie weniger allein sind, als sie immer glaubten zu sein. Sie zu dem Mann mit der einfühlsamen Art, den leicht abstehenden Ohren und dem Bauchansatz, der manchmal mehr Lexikon als einem Menschen glich und er zu der Frau mit dem charismatischen Äußeren, der hakenförmigen Nase und den viel zu großen Augen, die so viel Trauer ausstrahlte und in die er sich immerzu hinein gesogen fühlte. Er ahnte früh, dass es etwas gab, das sie gerne loswerden wollte. Zuerst traute er sich nicht, danach zu fragen, aber irgendwann an einem Freitag war es, tat er es dann doch.
Dies ist nur ein kurzer Auszug aus „Virago“. Wie Carlas Geschichte weitergeht und ob sie ein gutes Ende nimmt, erfahren Sie in den „Dulsberger Enthüllungen & weitere Bösartigkeiten“.