Sichelschmied.de

Der Bahnhof – oder: Der Mann,

dessen Penis im Fernsehen zu sehen war

 

 

 

 

Es geschah an einem Mittwoch, einem nieseligen und unangenehm kalten Tag im Herzen des Februars. Ich fuhr nicht wie sonst mit dem Fahrrad zur Arbeit, sondern benutzte den öffentlichen Personen-Nahverkehr. Keine gute Wahl, wie sich herausstellen sollte.

  Die S-Bahn hielt nach sieben Stationen in einem schmuddelig, öden Bahnhof. Müde und verschlafen stieg ich aus, zusammen mit einer Heerschar anderer müde und verschlafen aussehender Mitmenschen. Der Club Dumas hatte mich die Zeit etwas vergessen lassen, jetzt lag das Buch hineingestopft in den Rucksack, neben der Stempelkarte und dem Portmonee. Meine Füße trugen mich den Bahnsteig hinunter, vorbei an verhungert aussehenden Junkies und trinkenden alten Männern. Es war wie immer, wenn ich mit der Bahn fuhr. Doch plötzlich wurde alles in mir hellwach; Schüsse dröhnten durch die Eingangshalle, vielleicht 200 oder weniger Meter von mir entfernt. Ich hörte erstickende Laute, wieder Schüsse und dazwischen lautes Gebrüll in einer fremden Sprache.

  Die Menschen um mich herum waren in ihren Bewegungen erstarrt. Eine ältere Büroangestellte würgte ein paar Mal und übergab sich dann neben mir. Drei vielleicht 15-jährige Mädchen tippten verschreckt in die Tasten ihrer Mobiltelefone. An ihnen vorbei hechteten zwei Kerle die Treppe hoch. Einer hinterließ eine veritable Blutspur. Weiter oben stieß er grob eine Frau um. Sie strauchelte und stürzte. Ihr Fuß stand danach in einem sonderbaren Winkel zum Unterschenkel. Ein Teil des Knochens zeichnete sich unter der Haut gut sichtbar ab.  

 Der eine der beiden Männer schien aus ärmlichen Verhältnissen zu stammen, seine Beine steckten in Hosen, deren Gesäßtaschen in Höhe der Kniekehlen endeten. Sie war ihm offensichtlich viel zu groß. Der andere hatte eine dunkle Hautfarbe und trug, sofern ich das richtig beobachtet habe, ein überdimensionales Kreuz in goldenem Ton. Sie rannten weiter die Treppe hoch bis auf den Bahnsteig. Dort konnte ich sie nicht mehr sehen. Kurze Zeit später hörte ich das Piepen von zugehenden Waggontüren und das Rumpeln einer losfahrenden S-Bahn. Ob sie darin saßen, vermochte ich nicht zu sagen. Gut möglich, dass sie sich noch auf dem Bahnsteig befanden oder längst über das Geleise geflüchtet waren.

  Was sollte ich tun? Ging ich zurück auf den Bahnsteig, würden die Typen da vielleicht noch stehen und mit Pech auch noch auf mich schießen. Etwas von dem Erbrochenen der Büroangestellten -  ich nahm an, dass sie eine war, obwohl sie auch durchaus in einem Öko-Laden hätte arbeiten können -  berührte die Sohlen meiner Schuhe. Fand ich nicht so gut.

  Von den Mädchen monierte eines, dass der Akku ihres Telefons leer gelaufen sei. Bei dem der anderen war dies hörbar nicht der Fall. Ich entschloss mich, den Bahnhof durch die Eingangshalle zu verlassen. Nun bin ich, und das möchte ich an dieser Stelle einmal erwähnen, kein sehr mutiger Mensch; im Gegenteil, ich wurde erst gestern vor die vertrackte Situation gestellt, dass einer in der U-Bahn rauchte. Mich als gewordener Nichtraucher störte das schon, aber aufgrund seiner sichtbaren körperlichen Überlegenheit habe ich wie alle nichts gesagt und mich in die am weitesten entfernte Ecke des Abteils verdrückt. Soviel dazu. Und trotzdem sollte es heute zu einer Begebenheit kommen, bei der ich den Mut finden würde, meinen Penis, der nicht gerade über Überlänge verfügt, für die für mich einzig richtige Entscheidung einzusetzen und damit meinem primären männlichen Geschlechtsmerkmal einen Bekanntheitsgrad angedeihen zu lassen, den ich selbst vermutlich nie erlangen werde. Aber dazu später mehr. Hier auf den Treppenstufen wollte ich nicht bleiben und zurück mochte ich auch nicht. Ein paar Schritte neben mir lag diese verletzte Frau. Sie stöhnte. Doch bevor ich gezwungen wurde, zu helfen, bahnte sich die ältere Büro- oder Bioladenangestellte einen Weg zu ihr. »Ich bin Ärztin, lassen sie mich vorbei!«, rief sie. Nun gut, dachte ich, dann kann ich ja weiter.

 

  Kurz hinter dem Treppenabsatz begann die Bahnhofshalle. Um sie einsehen zu können, musste man um eine Kehre im Winkel von 90 Grad gehen. Ein mulmiges Gefühl im Bauch machte sich breit. Gedanklich würgte ich den sich wehrenden grüngelben Ochsenfrosch wieder im Halse herunter. Meine Füße wollten im Gegensatz zu meinem Verstand nicht weiter als bis hierher gehen. Ein Junkie schob sich an mir vorbei. Seine Augen lagen tief in den Höhlen. Ich konnte kaum erkennen, ob er überhaupt welche besaß. Er roch streng. In verwaschener Kapuzenjacke kam noch ein zweiter hinterdrein. Seine Hände steckten in den Resten eines schmutzig-weißen Verbandes. An seinem Hals waren diverse Ekzeme zu sehen. »Lass mal durch, ey«, nuschelte der mit den eitrigen Gebilden und stülpte sich die Kapuze über den Kopf. Dann waren er und sein Kumpan auch schon hinter der Biegung verschwunden. »Scheiß’ndreck!«, murmelte ich undeutlich. Dann trat auch ich um die Kehre herum.

 Was ich zu sehen bekam, war zuerst  einmal nichts. Vor mir befand sich dicht an dicht eine Wand aus Mäntel- und Jackenrückseiten. Alle dazu gehörigen Köpfe waren auf den Boden gerichtet. Wie gesagt, ich bin nicht sehr mutig, aber neugierig schon. Ich begann mich durch die Phalanx aus Mänteln zu wühlen, um auch zu sehen, was alle anderen sahen und ich sah auf einmal sehr viel. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mit drastischen Details eher zurückhaltend bin. Aber das, was mich dort erwartete, war von derart grässlicher Art, ja so abscheulich, dass ich den geneigten Leserinnen- oder Lesern einfach die ganze Szenerie in aller Deutlichkeit beschreiben muss:

  Auf dem Boden kaum drei Schritte entfernt, lag tot ein Mann. Große Löcher verunzierten seinen Oberkörper, Blut sickerte immer noch daraus hervor, das halbe Gesicht samt Unterkiefer fehlte. In seinem Umfeld befanden sich noch drei weitere Leichname, bis auf die noch vorhandenen Kiefer alle in ähnlichem Zustand. An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Gedankenweg zurück zum Beginn meiner Erzählung einfügen, wegen einer nicht unwichtigen Kleinigkeit, die ich vorhin zu berichten vergaß: Ich bin nämlich davon überzeugt, dass die beiden Kerle, die vorhin so eilig die Treppen hinaufgestürmt sind, in ihrer beruflichen Tätigkeit dem Drogenverkauf nachgehen. Woher ich das meine zu wissen? Nun, sie vermittelten mir einfach diesen Eindruck. Und die Gestalten, die jetzt vor mir in ihrem eigenen Blut badeten, machten auf mich einen ganz ähnlichen. An ihren Handgelenken baumelten klotzige Uhren und geschmacklose Armbänder aus zentimeterdickem Gold – oder etwas, dass wenigstens von weitem aussah wie welches. Zwei von ihnen hatten eine dunkle Hautfarbe. Die beiden anderen stammten vermutlich aus dem osteuropäischen Raum. Man braucht sicher nicht der Hellste im Kopf zu sein, um sich ausmalen zu können, dass hier eine Unstimmigkeit zwischen zwei, sich nicht wohl gesonnenen Dealerbanden ausgetragen worden war.

 Meine Sympathie für Personen, die den schleichenden Tod und vor allem auch noch wissentlich verkaufen, hält sich doch in arg engen Grenzen, daher war ich auch nicht gerade unfroh, dass sich die Frage nach gegebenenfalls zu leistender Erster Hilfe ganz offensichtlich nicht mehr stellte.

  Auf der Erde in unmittelbarer Nähe lagen Mengen verbogener Projektilhülsen. Ohne Unterkiefer trug noch die Waffe in der Hand. Am äußeren Rand des Kreises, den die Menge um die Männer gezogen hatte, sah ich Dutzende kleiner Beutelchen aus durchsichtigem Plastik. Sie waren angefüllt mit irgendetwas Weißem; vermutlich Heroin oder Kokain. Unterscheiden kann ich diesen Mist sowieso nicht, war außerdem auch zu weit weg davon, um den Inhalt klar erkennen zu können. Und selbst wenn ich direkt davor gestanden hätte, hätte das vermutlich nicht viel geändert, da ich durch eine Verkrümmung meiner Hornhäute und trotz Brille nicht sonderlich gut sehen kann. Aber ich schien nicht der einzige zu sein, dem diese Beutelchen auffielen, denn die mittlerweile zahlreich vertretenden Drogensüchtigen wurden auffallend nervös, tickten einander kurz an und nickten verstohlen in die Richtung der Tütchen.

  Drei Polizisten erschienen. Zwei ältere männliche und eine Frau mittleren Alters. Ihrer Körperhaltung und Gestik nach musste sie die Leiterin des Trios sein. Sie zeigte mit dem Arm ungefähr in meine Richtung, wedelte ein paar Mal mit den Händen herum und verschwand dann ebenso plötzlich wie sie gekommen war. Einer der Polizisten verblieb am Tatort  –  ich nehme an, dass das jetzt die korrekte Bezeichnung für die Eingangshalle des  Bahnhofes war – der andere holte ein Absperrband.

 

 

  Ein paar Minuten später.

 Der Ort war abgesichert, die Waffen eingesammelt, die Passanten einige Meter zurückverlagert und die Polizei der Auffassung, die Sache unter Kontrolle zu haben. Ich stand, wie viele andere, hinter der Absperrung und harrte der Dinge, die da wohl kommen mochten. Unter dem Körper des Kieferlosen war inzwischen ein recht ansehnlicher See aus Blut und hellrotem Gewebe- oder Gehirnteilchen angewachsen. Dazwischen schwammen Zahnstückchenreste. Die Lache schien drauf und dran, sich mit denen seiner toten Berufskollegen zu vereinigen.

 »Gestern gegen Unterhaching, das war doch wohl nix, oder?«, meinte einer der Polizisten zu seinem Kollegen. Die beiden befanden sich innerhalb der Absperrung.

 »Nö, Dieter, war nix. Ich mein, die hätten Scharenbroich aufstellen sollen.«

 »Was? Scharenbroich, sag, spinnst du?«

 »Wieso? Scharenbroich war doch echt spitzenmäßig letztes Spiel gegen Werder.«

 »Mensch, Dieter, was du unter spitzenmäßig verstehst ... Ach noch was: Korinna ist wieder schwanger, wird also nichts im Sommer mit dem neuen Wagen ...«

  Ich konnte der Konversation der beiden leider nicht länger folgen, da plötzlich ein neuer Polizeibeamter erschien, mit drahtigen Schritten den Tatort durchquerte und einen der beiden - es war der, der nicht Dieter hieß -  nach oben zu den Bahngeleisen hin abkommandierte. Mir fiel auf, dass die Süchtigen sich sonderbar still verhielten, ganz so, als würden sie versuchen, nicht aufzufallen und mit der Masse zu verschmelzen. Aber sie waren da und unbemerkt von mir und dem Rest schoben sie sich in die Nähe des für sie vermeintlich Trost spendenden Giftes.

 Dann geschah alles wie in einer Bewegung. Oben auf dem Bahnsteig bellten Schüsse los. Eine andere Waffe antwortete. Schreie. Dann eine ganze Salve von Schüssen verschiedener Lautstärke, Befehle wurden gebrüllt. Nochmals knallte es. Eine Frauenstimme erhob sich, verstärkt durch ein Megafon, und forderte irgendwen auf, irgendetwas sofort fallen zu lassen. Das Funkgerät des Polizisten hier unten in der Halle quakte auf. Der Mann zog es ganz aus der oberen Innentasche seiner Jacke, sprach hinein und ging dabei ein paar Schritte. Dann piepsten zwei Mobiltelefone gleichzeitig. Geraune entstand. Viele Leute holten ihre Handtelefone aus den Taschen hervor und legten sie dann ein wenig traurig wieder zurück, da sie nicht zu den Glücklichen gehörten, die angerufen worden waren.

  Ich kann nicht sagen, wie viele Drogenabhängige mittlerweile um die Umzäunung herumstanden, aber es waren nicht wenige. Die Überzahl der Passanten der ersten Stunde war gegangen und ihr normaler Arbeitsalltag hatte sie längst wieder eingeholt. Diese freien Stellen besetzten nun sie. Ich glaube, es mussten weit mehr als zwanzig von ihnen gewesen sein. Mir gegenüber, auf der anderen Seite der Absperrung, saßen und kauerten wohl die meisten und dort befand sich auch das Rauschgift. Von Weitem näherte sich ein Fernsehteam, gut an den Stativen der Kameras und den langen Rohren, an deren Ende Scheinwerfer saßen, erkennbar.

  Andere Polizisten, als den, der gerade in sein Funkgerät sprach, konnte ich im Augenblick nicht erkennen, aber bei dem vielen Blaulicht musste sich draußen noch eine ganze Menge von ihnen tummeln. Und dieser eine, abgelenkt durch das Raunen der Menschen, die ihr Telefon gerade wegsteckten, übersah die blutige Pfütze direkt vor ihm; er glitt aus und schlug hart mit dem Kopf auf den Beton. Die Menge schreckte auf. Einige Passanten versuchten, dem Beamten zu helfen, doch ob er verletzt, tot oder bewusstlos war - wer wusste das schon. Alles ging so verflucht schnell. »Lassen sie mich durch, ich bin Ärztin!« Schon war die Bioladenangestellte vor Ort und begann mit der Untersuchung.  

 Doch noch etwas passierte. Die bisher fast teilnahmslos herumstehenden Abhängigen gruppierten sich zu einem Halbkreis. Einige bückten sich bereits und hoben etwas auf. Um meine nachfolgende Handlung begreiflich zu machen, muss ich beschreiben, was in diesem Augenblick geschah, der für mich eine unvorstellbare Länge besaß, in dem alles quasi in Zeitlupe ablief: Ich sah diese verhungerten Figuren langsam zu Boden gehen, sah, wie ihre Finger sich um die transparenten Beutelchen schlangen und ich dachte: Nein! Das darf ich nicht zulassen! Was diese Menschen brauchen, ist Hilfe und kein mieses Heroin von miesen Dealern! Irgendwelche Polizisten konnte ich in diesem Lidschlag meiner Lebenszeit nicht ausmachen, also tat ich das, was mir in dieser Situation richtig und gut erschien, ich sprengte den Kreis und zertrat jedes Beutelchen, dessen meine Füße habhaft werden konnten. Die Junkies drängelten und schubsten mich nach Leibeskräften, doch für die meisten Tütchen war es bereits zu spät; sie lagen zerbröselt auf dem Boden und das weiße Pulver waberte wie Staub um sie herum. Doch bevor vielleicht jemand auf die Idee kam, das Zeugs vom Boden auf zu kratzen, öffnete ich die Knöpfe meiner Hose und vernichtete mit dem Inhalt meiner Blase auch diese letzte Möglichkeit.

  Ich glaube es erübrigt sich, noch zu erwähnen, dass genau diese Tätigkeit von einem Fernsehteam eines bekannten lokalen Senders gefilmt und dann – natürlich mit einem schwarzen Balken um die pikante Stelle versehen – in den 18.30 Uhr-Nachrichten gezeigt wurde.

 

 

 Epilog

 Wenn jemand auf die Idee kommen sollten, zu fragen, wo denn bei dieser Erzählung die politische Korrektheit – the political correctness – geblieben ist, so kann ich Ihnen versichern, dass ich sie gestern hier noch irgendwo habe herumliegen sehen. Wahrscheinlich ist sie in der Schublade des Schreibtisches oder im Küchenregal oben links. Wenn Sie sie finden, können Sie sie behalten.

 

 

 

 

Dulsberger Enthüllungen
Dulsberger Enthüllungen
Der Bahnhof
Der Bahnhof