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Thomas Sichelschmied

Sichelschmied.de

Jochen Albers
seltsame Allergie
Jochen Albers war seit frühester Kindheit allergisch. Warum oder gegen was, vermochte ihm keiner zu sagen. Aber seitdem er sich erinnern konnte, nieste, schnupfte und zog er in einem fort die Nase hoch. Es war ein Kreuz und das keineswegs nur für ihn.
Seine Kindheit wie auch Schulzeit wurden nicht gerade von herausragenden Leistungen geprägt. Mittelprächtig, wie alles an ihm, erreichte er mehr schlecht als recht den Realschulabschluss. Mit siebzehn begann er eine Ausbildung zum Kaufmann in einem Geschäft für Seebedarf. Es lief zuerst gut, unerwartet, möchte man fast meinen. Jochen zeigte sich bemüht und sein Chef, der Herr Bollmann, auch durchaus zufrieden mit ihm. Aber auch dort geschah nach einiger Zeit wieder das, was ihn schon zuvor zur Genüge begleitet hatte: Sein Geniese, Geschnupfe und Nasenhochgeziehe trieb die Kollegenschaft einen nach dem anderen in den Wahnsinn. Seiner Mutter schließlich gelang es nur mit Mühe und erheblich mehr als nur gutem Zureden, Herrn Bollmann davon zu überzeugen, ihn wenigstens die Prüfung noch machen zu lassen. Danach wurde er neuestes Mitglied im Heer der Arbeitslosen.
Irgendwann fand Jochen neue Arbeitgeber und etwas später auch eine Frau. Sie heirateten und bekamen Kinder, zwei an der Zahl. Mag sein, dass sie im Rahmen des möglichen glücklich miteinander waren. Jochens Allergie schien mit den Jahren noch zuzunehmen. Seine Frau, ein adrettes, aber nicht sehr anspruchvolles Wesen, überzeugte ihn, eine allergologische Schwerpunktpraxis aufzusuchen. Nicht, dass er früher nicht schon bei entsprechenden Fachleuten gewesen wäre. »Aber«, so argumentierte sie, »die Medizin habe auf diesem Gebiet in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht«. Sie bezog ärztliches Fachwissen seit jeher aus der Apothekenrundschau und der Bild der Frau.
Nun die Medizin hatte tatsächlich Fortschritte gemacht, aber nicht besonders viele und auch keine großen. Anfangs halfen die neuen Medikamente ein bisschen. Er musste nach Eukalyptus riechende Tinkturen zu sich nehmen, bekam Pflaster mit schwarzen sich windenden Einschlüssen auf die Nase gepappt, sollte nur auf der Seite schlafen und nicht mehr auf dem Rücken. Aber schon nach wenigen Wochen schien der alte Stand auf seiner nach oben offenen Allergieskala wieder erreicht zu sein (und gefühlt zumindest noch einiges darüber hinaus). Jochen jedenfalls war am Verzweifeln. Doch was sollte er tun? Was konnte er tun?
Mitten in einer der darauffolgenden Nächte und aufgeschreckt aus tiefstem Schlaf riss er die Augen auf. Fast senkrecht saß er im Bett, Schweiß rann ihm über das Gesicht. Er hatte geträumt. Mit einem Mal wusste er, warum er immer nieste, schnupfte und in einem fort die Nase hochzog, Wusste wogegen sich seine Allergie richtete. Diese Überempfindlichkeit bezog sich nicht auf Nüsse, Düfte, Gartenkräuter oder dergleichen. Nein, er war gegen das Leben selbst allergisch! Niemand hatte ihn gefragt, ob er geboren werden wollte. Niemand ihm erklärt, was sein Sein hier überhaupt sollte. Niemand und das niemals! Ach, wäre ihm das nur früher klar geworden, dachte er. Geändert hätte es allerdings wenig.
An Schlaf war nicht mehr zu denken. Natürlich. Ein Plan reifte in ihm. Und bereits am nächsten Morgen setzte er ihn um und tat das, was ihm nunmehr einzig sinnhaft erschien. Er kletterte auf den linken der Mundsburg-Türme – was nicht ganz einfach war - und ließ sich von dort in das pulsierende Geschehen der wachsenden Stadt hinabfallen. Im Flug die Arme wie ein Engel ausgebreitet.
Nachdem sein letzter Atmen die zerschlagene Mundhöhle verlassen hatte, verstummte auch endgültig das Schniefen, Schnäuzen und in einem fort Nasenhochgeziehe. Manch Umherstehender meinte, Jochen Albers Mundwinkel zu einem Lächeln verzogen zu sehen, aber das konnte zufällig sein, hervorgerufen durch die vielfachen Frakturen seiner Gesichtsknochen.
Die beiden Titanen, die auf einem etwas versteckt liegenden Seitenarm des Olymp saßen und von dort den Lauf der Welt verfolgten, erfuhren vom Wind von diesen Ereignissen. Der eine von ihnen war darüber sehr aufgebracht. Zum ersten Mal seit Äonen ergriff er das Wort: »Ich finde das unerhört!«, meinte er.
»Warum?«, entgegnete ihm Athos, der angesprochene.
»Weil ... weil sich das nicht gehört, weil die Schöpfung durch den Menschen nicht verändert werden darf.«
»So, darf sie das nicht?«, gab Athos fragend zu bedenken. Er war der weisere von ihnen.
»Nein.«
»Und was Porthos ist, wenn der Sprung sein Schicksal gewesen ist, von Anfang an von den Göttern vorherbestimmt?«
»Das wäre natürlich etwas anderes, aber ...«, fügte er rasch hinzu. »Die Schöpfung würde derlei niemals vorherbestimmen. Nie!«
»Ach Bruder, wer weiß das schon, wer weiß das schon ...«
Damit schwiegen beide wieder. Und erst als die Jahrhunderte Jochens längst zu Staub zerfallene Knochen hinfort getragen hatten, ergriff Porthos wieder das Wort: »Vielleicht, Bruder, hattest du doch recht.«, meinte er, »vielleicht ist seine Handlung doch vorherbestimmt gewesen.«
Aber da war es schon egal, denn Athos, der weisere von ihnen, war auch zu Staub zerfallen und von den nie aufhörenden Winden in alle Richtungen geweht worden.